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Warum Lehrtraditionen beim dritten Auge zur Zurückhaltung raten

buddha statue face

Kein anderes Zentrum wird so oft beworben und in den Lehrtexten so knapp behandelt wie das sechste. In Kursbeschreibungen geht es um Hellsichtigkeit, um Öffnen, um innere Bilder. In den Übungstexten steht eine kurze Anweisung, ein Bild mit zwei Blättern und die Erwartung, dass jemand danebensteht.

Der Name gibt dazu einen Hinweis. Ajna gehört zu einer Wortfamilie, die mit Befehl und Weisung zu tun hat, und die Kommentarliteratur bezieht das auf die Anweisung, die an dieser Stelle empfangen wird. Von Sehen ist im Namen nicht die Rede.

Der folgende Text nimmt die Angaben der Quellen durch, verfolgt, woher der Ausdruck drittes Auge kommt, und geht dann der Frage nach, warum Lehrtraditionen hier ausdrücklich zur Zurückhaltung raten. Dazu die Übungen, die tatsächlich hierhergehören, mit ihren Grenzen.

  • Name: Ajna, aus einer Wortfamilie um Befehl und Weisung
  • Ort: zwischen den Augenbrauen, auf der inneren Achse
  • Bild in den Quellen: zwei Blätter, ein weißes Dreieck, die Silbe OM
  • Element: keines der fünf, kein zugeordneter Sinn, kein Handlungsorgan
  • Junge Zuschreibung: Intuition, inneres Sehen, die Farbe Indigo
  • Warnung der Tradition: besondere Fähigkeiten gelten als Hindernis, nicht als Ziel
  • Übungsdauer: acht Minuten, ohne Druck auf die Augen und ohne Atemanhalten

Der Name heißt Befehl, nicht Auge

Ajna gehört zu einer Wortfamilie, in der es um Anweisung, Auftrag und Befehl geht. Die Kommentarliteratur deutet das auf zweierlei: auf die Anweisung, die eine Lehrperson an dieser Stelle gibt, und auf die Steuerung, die von hier ausgehen soll.

Beide Lesarten haben mit Sehen nichts zu tun. Wer das Zentrum über das Wort Auge erschließt, bringt eine Erwartung mit, die der Name nicht deckt, und diese Erwartung bestimmt dann die ganze Praxis.

Für den Anfang genügt die schlichte Feststellung: Der Name benennt eine Beziehung zwischen Anweisung und Ausführung. Was daraus im zwanzigsten Jahrhundert geworden ist, steht weiter unten und ist eine andere Geschichte.

In den Übertragungen wird der Begriff unterschiedlich wiedergegeben, von Befehlszentrum bis Weisung. Die Schwankung ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern zeigt, dass ein Sanskritwort hier auf mehrere deutsche Wörter fällt, von denen keines allein trägt.

Zwischen den Augenbrauen, auf der inneren Achse

Die Ortsangabe lautet Brauenmitte, gemeint auf der inneren Achse, die von unten bis zum Scheitel führt. Der Punkt liegt also nicht auf der Haut, sondern innen, ungefähr auf gleicher Höhe.

Für die Übung heißt das eine wichtige Einschränkung. Die Aufmerksamkeit geht dorthin, die Augen bleiben, wo sie sind. Ein dauerhaftes Hochrollen der Augen gehört nicht dazu, auch wenn manche Abbildungen es nahelegen.

Wie bei allen anderen Zentren weichen die Kommentare geringfügig voneinander ab. Manche setzen den Punkt etwas höher an, manche tiefer. Die Genauigkeit, mit der solche Angaben in Grafiken eingezeichnet werden, gibt es in den Texten nicht.

Zwei Blätter und eine Silbe, die alle kennen

Der Sanskrittext des 16. Jahrhunderts, der auch die Zentren darunter schildert, beschreibt für das sechste einen Lotos mit nur zwei Blättern. Auf ihnen stehen zwei Silben, und im Inneren liegt ein weißes Dreieck.

Die Farbangabe ist bemerkenswert. Beschrieben wird das Zentrum als weiß oder mondfarben, und mit der Farbe Indigo, die heute auf jeder Tafel steht, hat das nichts zu tun.

Die Keimsilbe ist OM, also die bekannteste Silbe der ganzen Reihe. Bei den fünf Zentren darunter stehen Silben, die zu den Elementen gehören; hier steht eine, die in der Überlieferung eine ganz eigene Stellung hat, und das passt zum Bruch, der an dieser Stelle im System liegt.

Genannt werden außerdem zwei Gottheiten, in den Übertragungen meist als Paramashiva und die Shakti Hakini wiedergegeben. Ein Reittier fehlt, anders als bei den fünf Zentren darunter.

Kein Element, kein Sinn, kein Handlungsorgan

Bei den fünf unteren Zentren gehört zu jedem ein Element, ein Sinn und ein Handlungsorgan. Beim sechsten hört diese Systematik auf: Die Reihe der fünf Elemente ist mit dem fünften Zentrum aufgebraucht.

Das ist keine Lücke, sondern eine Grenze im Aufbau. Was oberhalb der fünf Elemente liegt, wird in dieser Systematik nicht mehr über die Sinne beschrieben, und deshalb fehlen die entsprechenden Angaben.

Für die Deutung ist das ein wichtiger Hinweis. Wer dem sechsten Zentrum einen eigenen Sinn zuordnet, etwa ein inneres Sehen, ergänzt eine Angabe, die die Quellen an dieser Stelle bewusst nicht machen. Wie die Reihe insgesamt gebaut ist, zeigt der Text über die sieben Chakren und ihre Verbindung zu den Planeten.

Die sieben Zentren mit Blättern und Silben

Reliefarbeit an einer Tempelwand mit Figuren und feinen Ornamenten aus Stein
Zentrum Blätter Keimsilbe Element Farbe der heutigen Tafeln
erstes vier LAM Erde rot
zweites sechs VAM Wasser orange
drittes zehn RAM Feuer gelb
viertes zwölf YAM Luft grün
fünftes sechzehn HAM Raum blau
sechstes zwei OM keines der fünf indigo
siebtes tausend keine keines der fünf violett

Zwei Dinge fallen auf. Die Zahl der Blätter steigt von unten nach oben regelmäßig an und bricht beim sechsten auf zwei ein. Und die letzte Spalte ist die einzige, die nicht aus den Quellentexten stammt.

Der Einbruch bei den Blättern hat mit dem Alphabet zu tun. Die Blätter der fünf unteren Zentren tragen zusammen die Konsonanten, das fünfte die Vokale; für die beiden obersten bleiben nur noch zwei Zeichen übrig, und die stehen hier.

Der Ort, an dem drei Bahnen zusammentreffen

In den Übungstexten laufen entlang der Wirbelsäule drei Bahnen: eine mittlere und zwei, die sich um sie winden. Als Treffpunkt dieser drei wird in mehreren Beschreibungen die Brauenmitte genannt.

Das Bild ist einprägsam, weil es aus der Geografie stammt: Der Zusammenfluss dreier Ströme ist in Indien ein bekanntes Motiv, und die Texte greifen es auf. Ein Ort, an dem etwas zusammenkommt, was vorher getrennt lief.

Für die Praxis folgt daraus die Stellung dieses Zentrums im Aufbau. Es ist der Punkt, an dem die Zweiteilung endet, und deshalb steht in den Anweisungen dort auch keine weitere Zuordnung mehr, sondern nur noch eine Konzentration.

Ob die drei Bahnen anatomisch etwas bezeichnen, ist eine Frage, die sich so nicht stellen lässt. Sie gehören zu einem Übungsmodell und sind in den Texten Anweisungen zum Vorstellen, nicht Beschreibungen eines Befundes. Wer sie als Nervenbahnen liest, ergänzt eine Behauptung, die dort nicht steht.

Warum das Stirnchakra kein Auge ist

Der deutsche Ausdruck Stirnchakra übersetzt die Ortsangabe, und das ist unproblematisch. Der Ausdruck drittes Auge übersetzt keine Ortsangabe, sondern eine Deutung, und die stammt nicht aus den beschreibenden Passagen.

Was dort steht, ist ein Lotos mit zwei Blättern, ein Dreieck, eine Silbe und zwei Gottheiten. Ein Auge kommt in dieser Aufzählung nicht vor, und ein Sehsinn wird dem Zentrum ausdrücklich nicht zugeordnet, weil die Sinneszuordnungen mit dem fünften enden.

Damit ist die verbreitete Erwartung schon im Ansatz falsch adressiert. Wer an dieser Stelle Bilder erwartet, übt gegen eine Beschreibung, die von Bildern nicht spricht, und bewertet dann das Ausbleiben als eigenes Versagen.

In Kursen ist genau das der häufigste Verlauf. Jemand übt wochenlang, sieht nichts, hält sich für unbegabt und steigert die Dauer. Beides ist überflüssig: Die Beschreibung, gegen die geübt wird, stammt nicht aus den Texten, auf die sich der Kurs beruft.

Woher der Ausdruck drittes Auge kommt

Der Ausdruck hat mehrere Wurzeln, und keine davon führt geradlinig zu diesem Zentrum. In der indischen Bildtradition trägt eine bestimmte Gottheit ein drittes Auge auf der Stirn, und dieses Bild ist alt und breit belegt.

Eine zweite Wurzel liegt in Europa. In der Literatur der Theosophischen Gesellschaft und in ihrem Umfeld wurde ab dem späten neunzehnten Jahrhundert ein inneres Wahrnehmungsorgan beschrieben und mit indischen Begriffen verbunden.

Aus der Verbindung beider Stränge entstand der heutige Sprachgebrauch. Er ist damit nicht falsch, aber jung und zusammengesetzt, und er beschreibt eher eine europäische Rezeption als eine indische Angabe.

Die Zirbeldrüse kam später dazu

Die Gleichsetzung des dritten Auges mit einer bestimmten Drüse im Gehirn ist eine weitere Schicht, und sie ist gut datierbar. Sie entstand in derselben Literatur des späten neunzehnten Jahrhunderts, die dem Modell insgesamt eine körperliche Sprache gab.

Begünstigt wurde sie durch eine Beobachtung aus der Zoologie. Bei bestimmten Reptilien wurde ein lichtempfindliches Organ auf dem Schädeldach beschrieben, und diese Entdeckung wurde damals mit der überlieferten Vorstellung in Verbindung gebracht.

In den Sanskritquellen zu den Zentren steht davon nichts. Dort gibt es keine Drüse, keinen Nerv und kein Organ, sondern eine Position auf einer inneren Achse. Wer die Gleichsetzung verwendet, sollte sie als das kennzeichnen, was sie ist: eine Erklärung aus einer bestimmten Zeit.

Indigo stammt aus der Spektralreihe

Indigo ist die sechste Farbe der üblichen Regenbogenreihe, und das sechste Zentrum bekommt sie. Mehr Begründung steckt nicht dahinter, und die Quellen nennen an dieser Stelle Weiß.

Bemerkenswert ist gerade der Kontrast. Ausgerechnet das Zentrum, das in den Texten als weiß und mondfarben beschrieben wird, trägt heute die dunkelste Farbe der ganzen Tafel, und die Beschreibungen dazu greifen die Dunkelheit auf.

Als Merkhilfe ist die Farbreihe brauchbar. Als Angabe aus einem alten Text ist sie es nicht, und der Unterschied gehört benannt, wo immer sich eine Beschreibung auf Überlieferung beruft.

Warum Lehrtraditionen hier zur Zurückhaltung raten

In den Übungstexten steht die Konzentration auf diesen Punkt fast immer im Zusammenhang einer Anleitung. Sie wird knapp beschrieben, mit wenigen Sätzen, und die Erwartung ist, dass jemand zur Verfügung steht, der die Übung begleitet.

Der zweite Grund ist inhaltlich. Die Texte beschreiben Fähigkeiten, die sich einstellen sollen, und sie behandeln diese Fähigkeiten nicht als Ziel. Im Yogasutra werden solche Fähigkeiten ausdrücklich als Hindernis für das eigentliche Anliegen bezeichnet.

Der dritte Grund ist praktisch und wird in der Übungsliteratur offen genannt. Lange und angestrengte Konzentration auf diesen Punkt, vor allem in Verbindung mit angehaltenem Atem, führt bei einem Teil der Übenden zu Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Unruhe.

Aus allen drei Gründen folgt dieselbe Empfehlung: kurz üben, ohne Anstrengung, ohne Atemtechniken und ohne ein Ergebnis, das erreicht werden soll. Wer mehr möchte, sucht sich eine Lehrperson, und zwar eine, die auch abrät.

Die Übungen an dieser Stelle und ihre Grenzen

Einzelne ruhige Kerzenflamme in einem dunklen Raum, ohne weitere Lichtquelle

Zwei klassische Techniken gehören hierher. Die erste ist ein ruhiges, langes Schauen auf einen einzelnen Punkt, in den Texten meist auf eine Flamme, mit anschließendem Schließen der Augen. Sie ist in den Hatha-Texten beschrieben und braucht keine Ausrüstung.

Die zweite richtet den Blick zur Brauenmitte. Sie ist ebenfalls überliefert und die heiklere der beiden, weil sie die Augenmuskulatur belastet und bei längerer Ausführung zu Kopfschmerzen führen kann.

Für beide gelten dieselben Grenzen. Kein Druck auf die Augäpfel, keine Ausführung bei Augenerkrankungen, kein Fortsetzen bei Schmerz, keine Verbindung mit Atemanhalten. Wer unter Migräne mit Sehstörungen leidet, lässt die zweite Technik ganz aus.

Die dritte Möglichkeit ist die unspektakulärste und für das Selbststudium die einzige, die uneingeschränkt zu empfehlen ist: die Aufmerksamkeit ohne jede Augenbewegung in die Gegend zwischen den Brauen legen und dort lassen. Wie sich solche Aufmerksamkeitsübungen in andere Systeme einfügen, behandelt der Text über Astrologie und Achtsamkeit.

Acht Minuten, drei Schritte

  1. Drei Minuten sitzen, Augen geschlossen, Kiefer und Stirn locker, ohne den Atem zu verändern.
  2. Drei Minuten die Aufmerksamkeit in der Gegend zwischen den Brauen halten, ohne die Augen dorthin zu richten. Wandert sie ab, kommentarlos zurückholen.
  3. Zwei Minuten die Aufmerksamkeit wieder nach unten nehmen, in den Brustraum oder in die Handflächen, und danach sitzen bleiben.

Der dritte Schritt ist kein Beiwerk. In der Übungsliteratur wird regelmäßig empfohlen, nach der Arbeit an den oberen Zentren die Aufmerksamkeit wieder tiefer zu führen, und wer diesen Abschluss auslässt, berichtet häufiger von Unruhe im Anschluss. Was dazu an Alltagspraxis gehört, steht im Text über Astrologie und Energiearbeit.

Länger als acht Minuten braucht diese Übung nicht zu sein, und länger sollte sie ohne Anleitung auch nicht werden. Regelmäßigkeit schlägt Dauer, und das gilt an dieser Stelle deutlicher als bei den unteren Zentren.

Sehstörungen sind kein Deutungsfall

Blitze im Gesichtsfeld, plötzlich auftretende schwarze Punkte oder ein Schatten, der sich von außen ins Blickfeld schiebt, Sehverlust, starke Augenschmerzen mit Übelkeit: Das sind Beschwerden, die sofort in eine augenärztliche Praxis oder in eine Notaufnahme gehören.

Solche Erscheinungen als Öffnung eines Zentrums zu lesen, ist der gefährlichste Fehler, den dieses Modell an dieser Stelle ermöglicht. Die Chakrenlehre stellt keine Befunde fest, erklärt keine Symptome und ersetzt keine Untersuchung.

Dasselbe gilt für anhaltende Kopfschmerzen, Schlafstörungen und für Zustände, in denen sich die eigene Wahrnehmung fremd anfühlt. Dafür sind ärztliche und therapeutische Fachleute zuständig, und die Übung kann danach immer noch stattfinden. Wie weit ein Deutungssystem überhaupt tragen soll, verhandelt der Text über die transformative Kraft astrologischer Erkenntnisse.

Häufige Fragen

Kann man das dritte Auge öffnen?

Die Sprache vom Öffnen stammt aus der Ratgeberliteratur. Üben lässt sich Aufmerksamkeit, ruhiges Sitzen und eine Haltung ohne Anstrengung in Stirn und Augen. Was sich dabei an einem Zentrum verändert, lässt sich nicht feststellen.

Warum hat dieses Zentrum nur zwei Blätter?

Weil die Blätter in dieser Systematik Schriftzeichen tragen und für die oberen Zentren fast keine mehr übrig sind. Die Zahl folgt aus der Verteilung des Alphabets und nicht aus einer Aussage über Bedeutung.

Ist Indigo die falsche Farbe?

Falsch ist sie nicht, nur jung. Sie stammt aus der westlichen Zuordnung der Spektralfarben. In den Quellentexten wird das Zentrum weiß beschrieben, und beide Angaben lassen sich verwenden, nur nicht als dasselbe.

Wie lange darf ich an diesem Punkt konzentrieren?

Ohne Anleitung wenige Minuten. Die Übungsliteratur hält die Zeiten hier kurz, und Kopfschmerz oder Unruhe im Anschluss sind das Zeichen, die Dauer zu verringern statt sie zu steigern.

Was ist mit den Fähigkeiten, von denen die Bücher sprechen?

Die klassischen Texte kennen solche Beschreibungen und behandeln sie als Ablenkung vom eigentlichen Anliegen. Wer eine Praxis auf sie ausrichtet, arbeitet gegen die Empfehlung derselben Überlieferung, auf die er sich beruft.

An diesem Zentrum fällt der Abstand zwischen Quelle und Kursbeschreibung besonders weit aus. Zwei Blätter, ein weißes Dreieck und eine knappe Anweisung auf der einen Seite, Indigo und Hellsichtigkeit auf der anderen. Wer beides nebeneinanderlegt, versteht auch, warum die Überlieferung an dieser Stelle leiser wird statt lauter.

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