In vielen Geburtsgrafiken stehen heute zwei Zeichen, die in keiner Deutung vor dem zwanzigsten Jahrhundert vorkommen. Das eine gehört zu einem Himmelskörper, der 1977 entdeckt wurde. Das andere gehört zu keinem Körper, sondern zu einem Punkt, der sich ausrechnen lässt.
Beide sind in kurzer Zeit von einer Randnotiz zur Standardausstattung geworden. Programme setzen sie voreingestellt in die Grafik, Bücher widmen ihnen eigene Kapitel, und in Beratungen tauchen sie regelmäßig auf.
Dieser Text sortiert, was tatsächlich dahintersteht: Wann sie in die Deutung kamen, was ihnen zugeschrieben wird, warum sie umstritten sind und welche Rechenfragen bei einem der beiden bis heute offen sind.
- Der eine: ein Kleinkörper, entdeckt 1977, Umlauf rund fünfzig Jahre
- Der andere: mindestens drei verschiedene Dinge unter einem Namen
- In der Deutung seit: späte siebziger Jahre beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts
- Rechenfrage: mittlerer oder osculierender Punkt, Unterschied bis rund dreißig Grad
- Was fehlt: Herrschaft, Würden, überlieferter Orbis
- Verbreitung: in Programmen meist voreingestellt
- Umstritten: in beiden Fällen, aus verschiedenen Gründen
Zwei Namen, die in keiner alten Deutung vorkommen
Die klassische Astrologie arbeitet mit sieben Faktoren: den beiden Lichtern und den fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten. Dazu kommen die beiden Mondknoten, die keine Körper sind, sondern Schnittpunkte zweier Bahnen.
Alles Weitere ist jünger als das Fernrohr. Uranus kam 1781 dazu, Neptun 1846, Pluto 1930, und mit jedem dieser Funde wurde die Frage neu verhandelt, ob und wie ein neuer Körper in die Deutung aufgenommen wird.
Die beiden Faktoren, um die es hier geht, sind der vorläufig letzte Schritt dieser Entwicklung. Sie unterscheiden sich von den drei äußeren Planeten aber in einem wichtigen Punkt: Der eine ist kein Planet, und der andere ist überhaupt kein Objekt.
Chiron im Horoskop: ein Kleinkörper von 1977
Der Fund wurde im Herbst 1977 an einem kalifornischen Observatorium gemacht. Zunächst war unklar, worum es sich handelt, denn das Objekt passte in keine der bekannten Gruppen.
Heute wird es zu einer Klasse von Kleinkörpern zwischen den äußeren Planeten gerechnet, die nach der Figur aus der griechischen Überlieferung benannt ist, von der auch dieser Körper seinen Namen hat. Zusätzlich zeigt er zeitweise eine Aktivität, wie man sie von Kometen kennt, und trägt deshalb auch eine Kometenbezeichnung.
Die Entdeckung selbst fiel in eine Zeit, in der die Zahl bekannter Kleinkörper noch überschaubar war. Ein Objekt, das sich keiner bekannten Gruppe zuordnen ließ, bekam entsprechend viel Aufmerksamkeit, auch außerhalb der Fachliteratur.
Für die Deutung ist die Einordnung nicht gleichgültig. Ein Objekt, das gleichzeitig als Kleinkörper und als Komet geführt wird, lässt sich schwer in ein System einpassen, das für Planeten gebaut wurde.
Die Bahn zwischen zwei Planeten
Der Umlauf dauert rund fünfzig Jahre. Die Bahn ist stark exzentrisch: Im sonnennächsten Punkt kommt der Körper innerhalb der Saturnbahn, im sonnenfernsten liegt er jenseits der Bahn des Uranus.
Daraus folgt eine Eigenheit, die in der Deutungspraxis eine Rolle spielt. Weil die Bahn so ungleichmäßig ist, verweilt der Körper in manchen Zeichen nur ein bis zwei Jahre und in anderen acht oder neun.
Ein Umlauf von rund fünfzig Jahren bedeutet außerdem, dass eine Rückkehr auf den Geburtsstand etwa in der Lebensmitte stattfindet. Dieser Termin wird in der Praxisliteratur häufig behandelt, und er ist der einzige Zeitpunkt, an dem sich mit diesem Faktor überhaupt eine wiederkehrende Struktur ergibt.
Wer mit Zeichenstellungen arbeitet, bekommt dadurch sehr ungleiche Jahrgangsgruppen. Eine Aussage, die an einem Zeichen hängt, betrifft einmal wenige Jahrgänge und einmal fast ein Jahrzehnt, und das ist bei den klassischen Planeten so nicht der Fall.
Wie aus einem Fund eine Deutung wurde
Die astrologische Aufnahme begann unmittelbar nach der Entdeckung. In der Deutungsliteratur der späten siebziger und der achtziger Jahre entstanden die Zuschreibungen, die bis heute verwendet werden.
Das Verfahren dabei war das übliche: Der Name des Objekts lieferte den Zugang. Die mythologische Figur, nach der es benannt ist, gilt in der Überlieferung als Heilkundiger mit einer Verletzung, die nicht heilt, und aus dieser Erzählung wurde die Deutung abgeleitet.
Bemerkenswert ist die Reihenfolge. Nicht eine Beobachtung führte zur Deutung, sondern eine Namensgebung, die ihrerseits von der Person stammt, die den Körper entdeckt hat. Damit hängt die ganze Zuschreibung an einer Entscheidung aus dem Jahr der Benennung.
Was die Literatur ihm zuschreibt
Die gängigen Zuschreibungen lassen sich in einem Absatz zusammenfassen: eine wunde Stelle, die sich nicht auflöst, ein Bereich, in dem jemand anderen weiterhelfen kann, ohne sich selbst zu helfen, und eine Vermittlung zwischen zwei Bereichen.
Diese Beschreibung ist eng an die Erzählung gebunden. Sie enthält keine Angabe, die aus der Bahn, der Stellung oder der Sichtbarkeit des Körpers abgeleitet wäre, und sie ist in der Literatur bemerkenswert einheitlich.
Genau diese Einheitlichkeit ist ungewöhnlich. Bei den klassischen Faktoren gehen die Beschreibungen zwischen den Schulen weit auseinander; hier folgen fast alle Bücher derselben wenige Jahrzehnte alten Vorlage.
Der zweite Name steht für drei verschiedene Dinge
Beim zweiten Faktor beginnt die Verwirrung schon vor der Deutung. Unter demselben Namen laufen in der Praxis mindestens drei Größen, die miteinander nichts zu tun haben.
Die erste ist ein rechnerischer Punkt der Mondbahn, nämlich ihr erdfernster Punkt. Die zweite ist ein 1927 entdeckter Kleinplanet, der denselben Namen trägt. Die dritte ist ein im späten neunzehnten Jahrhundert angenommener zweiter Erdmond, den es nicht gibt.
Wer in einem Buch auf den Namen stößt, muss also zuerst klären, welche der drei Größen gemeint ist. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist es die erste, aber die Bücher sagen es nicht immer dazu.
Die Zusätze in Grafiken helfen dabei nur bedingt. Manche Programme kennzeichnen die Rechenart mit einem Kürzel, andere setzen schlicht das Symbol, und in gedruckten Deutungen fehlt die Angabe fast immer. Wie eine vollständige Grafik aufgebaut ist, behandelt der Text über die tiefere Bedeutung von Geburtshoroskopen.
Der Mondferne-Punkt und seine zwei Rechenarten

Die Mondbahn ist keine Kreisbahn. Sie hat einen erdnächsten und einen erdfernsten Punkt, und dieser zweite Punkt ist gemeint, wenn in der Astrologie von diesem Faktor die Rede ist.
Der Punkt wandert. Er läuft in etwa neun Jahren einmal durch den Tierkreis, und diese Bewegung ist keineswegs gleichmäßig, sondern schwankt erheblich.
Der Grund für die Schwankung liegt in den Störungen, die die Sonne auf die Mondbahn ausübt. Die Bahn wird dadurch laufend verformt, und der erdfernste Punkt macht diese Verformung mit, statt gleichmäßig zu wandern.
Deshalb gibt es zwei Rechenarten. Die eine glättet die Bewegung und liefert eine gleichmäßig fortschreitende Position. Die andere gibt den tatsächlichen momentanen Wert an, der um den geglätteten Wert schwankt, und zwar um bis zu rund dreißig Grad. Das ist ein ganzes Zeichen Unterschied.
Der Kleinplanet und der nie gefundene Zweitmond
Der 1927 entdeckte Kleinplanet ist ein Objekt im Gürtel zwischen Mars und Jupiter. Er trägt eine Nummer, eine berechenbare Bahn und denselben Namen, und er wird in einem Teil der Asteroidenastrologie verwendet.
Der angenommene zweite Erdmond geht auf eine Veröffentlichung des späten neunzehnten Jahrhunderts zurück. Er wurde astronomisch nie bestätigt, und die damals angegebenen Bahndaten ließen sich durch Beobachtung nicht stützen.
Trotzdem hält sich dieser dritte Strang in Teilen der Literatur. Für Grafiken bedeutet das: Zwei Programme können unter demselben Namen zwei völlig verschiedene Positionen ausgeben, und keine Fehlermeldung weist darauf hin.
Drei Größen unter einem Namen
| Größe | Art | Umlauf | seit wann bekannt |
|---|---|---|---|
| erdfernster Punkt der Mondbahn | Rechenpunkt | rund 9 Jahre | astronomisch lange |
| Kleinplanet gleichen Namens | Objekt im Hauptgürtel | rund 4 Jahre | 1927 |
| angenommener zweiter Erdmond | nie bestätigt | strittig | Ende 19. Jahrhundert |
| Kleinkörper zwischen den Planeten | Objekt, zeitweise aktiv | rund 50 Jahre | 1977 |
Die ersten drei Zeilen tragen denselben Namen, die vierte gehört zum anderen Faktor dieses Textes. Wer eine Grafik erstellt, sollte für jede dieser Zeilen wissen, ob und in welcher Rechenart sie eingeschaltet ist.
Bei den meisten Programmen lässt sich das in den Einstellungen nachsehen. Es dauert zwei Minuten und verhindert, dass man über eine Position spricht, die eine andere Software ganz woanders zeigt.
Woher der Name stammt
Der Name des zweiten Faktors stammt aus dem Umfeld der mesopotamischen und der jüdischen Überlieferung. Er bezeichnet dort eine weibliche Gestalt, deren Beschreibung sich über Jahrhunderte verändert hat.
Die heute meist erzählte Fassung, nach der es sich um eine erste Frau vor Eva handelt, stammt aus einer mittelalterlichen Schrift und nicht aus älteren Texten. Sie ist der Bezugspunkt fast aller astrologischen Deutungen dieses Punktes.
Damit gilt dasselbe wie beim ersten Faktor: Die Deutung stammt aus dem Namen, nicht aus dem Gegenstand. Wer nachsehen möchte, worauf sich der Name bezieht, findet den Überblick zur Gestalt Lilith.
Was die Literatur dem zweiten Faktor zuschreibt
Die Zuschreibungen kreisen um wenige Begriffe: eine Seite, die sich nicht einordnen lässt, ein Widerstand gegen Erwartungen, ein Bereich, in dem jemand nicht mitspielt. Formuliert wird das je nach Buch mehr oder weniger drastisch.
Auch hier stammt die Beschreibung aus dem Namen und nicht aus der Sache. Ein erdfernster Bahnpunkt hat keine Eigenschaften, die sich beschreiben ließen; was beschrieben wird, ist die Gestalt der Überlieferung, auf die der Name verweist.
Auffällig ist der Ton dieser Literatur. Sie ist deutlich stärker aufgeladen als das, was zu den klassischen Faktoren geschrieben wird, und ein Teil dieser Aufladung kommt aus dem Stoff der Erzählung selbst. Wie eine Grafik ohne solche Zusätze gelesen wird, zeigt der Text über das Lesenlernen eines Geburtshoroskops.
Warum beide unter Astrologen umstritten sind
Der erste Einwand ist der grundsätzliche. Wenn jeder neu entdeckte Körper in die Deutung aufgenommen wird, hört das nicht auf: Es sind inzwischen Hunderttausende Kleinkörper bekannt, und einige davon haben ebenfalls eine astrologische Anhängerschaft.
Der zweite Einwand betrifft die Herleitung. Eine Deutung, die vollständig aus einem Namen stammt, hängt an der Person, die den Namen vergeben hat, und diese Person hatte astrologisch keine Absicht.
Der dritte Einwand ist praktischer Natur und gilt vor allem für den Rechenpunkt. Wo zwei Rechenarten bis zu dreißig Grad auseinanderliegen, lässt sich eine Deutung nicht einmal zwischen zwei Praktizierenden vergleichen, und damit fällt jede Möglichkeit weg, Erfahrungen zu sammeln.
Keine Herrschaft, keine Würde, kein überlieferter Orbis
In der klassischen Lehre hat jeder Faktor eine Reihe von Zuständigkeiten: Er beherrscht Zeichen, ist in bestimmten Zeichen erhöht oder geschwächt, und für seine Winkel gelten überlieferte Abstände.
Für die beiden hier behandelten Faktoren gibt es davon nichts. Es gibt keine überlieferte Herrschaft, keine Würdenangabe, keinen aus der Tradition begründeten Orbis, und alle Angaben dazu sind Vorschläge einzelner Autoren.
In der Praxis werden deshalb meist enge Abstände verwendet, oft ein bis zwei Grad. Das ist eine vernünftige Vorsichtsmaßnahme und keine Regel, und sie stammt aus derselben jungen Literatur wie alles Übrige. Wie die überlieferten Zuständigkeiten funktionieren, zeigt der Text über die Herrscherplaneten der Sternzeichen.
Wie Praktizierende damit umgehen
Es haben sich drei Umgangsweisen herausgebildet. Die erste lässt beide Faktoren weg und arbeitet mit den zehn üblichen. Sie hat den Vorteil, dass sie mit der älteren Literatur vergleichbar bleibt.
Die zweite nimmt sie auf, aber nachrangig: Erst wird die Grafik ohne sie gelesen, danach werden sie als Ergänzung hinzugezogen, und sie erhalten nie den Ausschlag.
Die dritte behandelt sie gleichrangig mit den Planeten. Diese Praxis ist verbreitet und trägt das größte Risiko, weil sie einer Position, deren Rechenart offen ist, dasselbe Gewicht gibt wie einem Planeten, dessen Stand jede Ephemeride bestätigt. Ein Faktor mit vergleichbarer Geschichte sind die Mondknoten, die der Text über die Bedeutung der Mondknoten behandelt.
Was aus einem Punkt nicht folgt
Ein Rechenpunkt ist eine Zahl aus einer Bahnrechnung. Ein Kleinkörper ist ein Objekt mit einer Umlaufzeit. Aus beidem folgt keine Eigenschaft, keine Verletzung, keine Biografie und kein Ereignis.
Astrologie ist eine symbolische Deutungspraxis mit langer Geschichte. Sie ordnet und stellt Bezüge her; sie weist keine Ursachen nach und trifft keine Vorhersage. Bei Fragen zu Gesundheit, Recht und Geld sind die zuständigen Fachleute die richtige Adresse, und das gilt für diese beiden Faktoren in besonderem Maß, weil ihnen in der Ratgeberliteratur regelmäßig Themen wie Verletzung und Trauma zugeordnet werden.
Wer mit ihnen arbeiten möchte, tut gut daran, die Herkunft mitzunennen. Eine Zuschreibung aus den achtziger Jahren ist eine Zuschreibung aus den achtziger Jahren, und sie wird nicht dadurch älter, dass sie in einer Grafik neben Saturn steht.
Häufige Fragen
Soll ich beide in meiner Grafik anzeigen lassen?
Das ist eine Entscheidung, keine Frage der Richtigkeit. Wer anfängt, hat mit den zehn üblichen Faktoren mehr als genug Material; ergänzen lässt sich später jederzeit.
Welche Rechenart soll ich beim Mondferne-Punkt wählen?
Eine wählen, notieren und dabei bleiben. Der geglättete Wert ist verbreiteter und läuft gleichmäßig, der momentane gibt die tatsächliche Lage wieder. Vergleichbar sind die eigenen Notizen nur innerhalb einer Rechenart.
Ist Chiron ein Planet?
Nein. Er wird zu einer Gruppe von Kleinkörpern zwischen den äußeren Planeten gerechnet und zeigt zeitweise Kometenaktivität. Für die Deutung heißt das, dass sich die Regeln für Planeten nicht ohne Weiteres übertragen lassen.
Warum stehen in zwei Programmen verschiedene Positionen?
Fast immer, weil verschiedene Rechenarten oder verschiedene Objekte gleichen Namens eingestellt sind. Ein Blick in die Einstellungen klärt das, und ohne diese Klärung ist ein Vergleich sinnlos.
Kommen noch weitere Faktoren dazu?
Das ist wahrscheinlich, denn die Zahl bekannter Kleinkörper wächst laufend. Ob daraus Deutungen entstehen, hängt weniger von der Astronomie ab als davon, welche Namen bei der Benennung vergeben werden.
Ein Körper von 1977 und ein Punkt mit drei Bedeutungen: Beide lassen sich verwenden, und beide vertragen keine Berufung auf ein Alter, das sie nicht haben. Wer die Jahreszahlen dazusagt, hat schon den größten Teil der Sache geklärt.




