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Wohin die Figuren einer Karte schauen, verrät oft mehr als jede auswendig gelernte Bedeutung

Drei aufgedeckte Karten nebeneinander auf einem dunklen Tuch bei ruhigem Licht

Drei Karten liegen nebeneinander. Die Figur in der Mitte sieht nach links, die Figur links davon sieht in dieselbe Richtung, also von ihr weg. Beide schauen aus der Legung heraus, und die dritte Karte bekommt von keiner der beiden einen Blick ab.

Das ist eine Auskunft, und sie steht in keinem Kartenbuch, weil sie nicht an der einzelnen Karte hängt, sondern an der Anordnung. Sie lässt sich sehen, bevor irgendeine Bedeutung erinnert wird.

Dieser Text beschreibt eine Technik, mit der sich ein Blatt lesen lässt, ohne dass eine einzige Kartenbedeutung auswendig gelernt sein muss. Sie ersetzt das Lernen nicht, sie kommt davor, und sie ist am ersten Abend anwendbar.

  • Was gebraucht wird: ein Deck mit ausgestalteten Bildern, Papier, zwanzig Minuten
  • Erste Frage: wohin sehen die Figuren
  • Zweite Frage: was tun die Hände
  • Dritte Frage: welche Farbe kehrt in mehreren Karten wieder
  • Vierte Frage: was steht im Vordergrund, was dahinter
  • Fünfte Frage: wo verläuft der Horizont und was liegt darüber
  • Grenze: bei Marseille-Karten trägt die Technik nur für Trümpfe und Hofkarten

Eine Karte, die von der Nachbarkarte wegsieht

Wer eine Legung zum ersten Mal ansieht, sucht meist sofort nach Bedeutungen. Die Blickrichtungen fallen dabei durch, obwohl sie das Erste sind, was das Auge ohnehin registriert.

Dabei sind sie leicht zu erfassen. Eine Figur sieht nach links, nach rechts, geradeaus, nach unten oder aus dem Bild heraus, und in einer Legung ergibt das ein Muster.

Der Gewinn liegt in der Unabhängigkeit vom Gedächtnis. Wer nur zwölf Karten sicher kennt, kann trotzdem jede Legung lesen, sobald er weiß, worauf er schauen muss.

Dazu kommt, dass diese Ebene erst durch die Nachbarschaft entsteht. Dieselbe Karte, um eine Position verschoben, zeigt in eine andere Richtung, und deshalb steht die Auskunft in keinem Buch, das Karten einzeln behandelt.

Was Bildlektüre ist und was sie nicht ersetzt

Gemeint ist das Lesen der Darstellung selbst: Figuren, Gesten, Gegenstände, Farben, Anordnung. Also das, was auf dem Karton gedruckt ist, ohne Rückgriff auf ein Begleitbuch.

Nicht gemeint ist ein Ersatz für die überlieferten Bedeutungen. Diese Bedeutungen sind über Jahrhunderte gewachsen, sie tragen Kenntnisse, die sich aus dem Bild allein nicht ergeben, und wer sie kennt, liest besser.

Die Technik steht davor und daneben. Sie liefert den ersten Zugriff und einen Prüfstein: Wenn die erinnerte Bedeutung dem widerspricht, was auf der Karte tatsächlich zu sehen ist, lohnt sich der zweite Blick.

In Kursen ist das der häufigste Aha-Moment. Jemand kennt eine Karte seit Jahren als eine Aussage über einen Verlust und bemerkt zum ersten Mal, dass im Hintergrund derselben Karte eine Brücke und ein Haus stehen, die davon nichts wissen.

Tarot Bildsymbolik ohne auswendig gelernte Bedeutungen

Der Einstieg über das Bild hat einen praktischen Grund. Ein Deck hat achtundsiebzig Karten, und wer sie einzeln lernt, braucht Monate, in denen jede Legung ein Nachschlagevorgang bleibt.

Die Bildebene ist dagegen sofort verfügbar. Sie verlangt kein Vorwissen, sondern nur eine Reihenfolge von Fragen, und diese Reihenfolge lässt sich in zehn Minuten lernen.

Dazu kommt ein Nebeneffekt, der sich erst nach einigen Wochen zeigt. Wer die Karten genau ansieht, behält ihre Bedeutungen leichter, weil sie an konkreten Bildelementen hängen statt an einer Vokabelliste. Wie sich Bild und Begriff verbinden lassen, behandelt auch der Text über die Bedeutung der Symbole im Tarot.

Die Blickrichtung als erste Frage

Bei jeder Karte mit einer Figur lässt sich in einer Sekunde feststellen, wohin sie sieht. Fünf Antworten decken fast alles ab: nach links, nach rechts, geradeaus zur betrachtenden Person, nach unten, nach oben.

Die verbreitete Lesart bezieht die Richtung auf die Legung. Nach links heißt zurück oder zum Vorherigen, nach rechts nach vorn oder zum Kommenden, geradeaus heißt zur fragenden Person, nach unten meist zu etwas Vorliegendem.

Diese Zuordnung ist eine Konvention und keine Regel aus einer alten Quelle. Sie funktioniert, weil sie mit der Leserichtung übereinstimmt, in der die Karten gelegt werden, und sie kehrt sich um, wenn jemand von rechts nach links legt.

Wer wissen will, ob sie für ihn trägt, macht die Probe. Zehn Legungen mit der üblichen Zuordnung, zehn mit der umgekehrten, jeweils notiert. Nach zwanzig Einträgen zeigt sich, ob die Richtung überhaupt etwas beiträgt oder ob sie nur eine hübsche Regel ist.

Zugewandt, abgewandt, aneinander vorbei

Alte Spielkarten mit gedruckten Figuren und abgegriffenen Rändern auf hellem Papier

Interessanter als die einzelne Richtung ist die Beziehung zwischen zwei benachbarten Karten. Drei Fälle kommen regelmäßig vor, und alle drei sind ohne Bedeutungswissen erkennbar.

Im ersten Fall sind zwei Figuren einander zugewandt. Im zweiten kehren sie sich den Rücken zu. Im dritten sehen beide in dieselbe Richtung, also die eine auf den Rücken der anderen.

Dazu kommt der Sonderfall, dass eine Figur aus dem Bild heraus zur betrachtenden Person sieht. Sie nimmt damit keine Position innerhalb der Legung ein, sondern richtet sich an den Tisch, und in einer Reihe von abgewandten Figuren fällt das sofort auf.

Die dritte Anordnung wird am häufigsten übersehen und ist die aufschlussreichste. Sie zeigt keine Begegnung und keinen Bruch, sondern ein Nacheinander: zwei Beteiligte, die dasselbe im Blick haben, aber nicht einander.

Was die Hände tun

Die zweite Frage betrifft die Hände, und sie ist ergiebiger als die Gesichter. Hände halten etwas, geben etwas, greifen nach etwas, verbergen etwas oder sind leer.

Auf ausgestalteten Karten ist fast immer eine Handlung zu sehen. Ein Becher, der gereicht wird, ein Stab, der gehalten wird, eine Münze, die betrachtet wird, Hände, die eine Decke festhalten.

Die Frage lautet in jeder Legung gleich: Wird hier etwas festgehalten oder abgegeben? Das ergibt für ein ganzes Blatt eine Reihe, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt, noch bevor eine Kartenbedeutung dazukommt.

Leere Hände sind dabei kein Nichts, sondern eine eigene Antwort. Eine Figur ohne Gegenstand steht in einer Legung, in der alle anderen etwas halten, deutlich heraus, und dieser Kontrast ist mit bloßem Hinsehen erfassbar.

Farben, die in mehreren Karten wiederkehren

Die dritte Frage betrifft Wiederholungen. Wenn in vier von fünf Karten dieselbe Farbe auffällig vorkommt, ist das sichtbar, bevor man weiß, welche Karten es sind.

Sinnvoll ist dabei die Beschränkung auf große Flächen: Himmel, Gewänder, Boden. Kleine Farbtupfer gibt es in jeder Karte, und wer sie mitzählt, findet jede Farbe überall.

Neben der Farbe lohnt dieselbe Frage für Gegenstände. Kehrt in drei Karten ein Gefäß wieder, ein Tuch, eine Tür, ein Tier, ist das ebenso sichtbar und meist noch eindeutiger als ein Farbton, der je nach Auflage anders gedruckt ist.

Wichtig ist die Zurückhaltung bei der Deutung. Eine Farbwiederholung sagt zunächst nur, dass etwas wiederkehrt. Was es bedeutet, hängt vom Deck ab, denn die Farbwahl stammt von der Person, die die Karten gestaltet hat, und nicht aus einer Überlieferung.

Der Horizont und was darüber steht

Die vierte Frage betrifft den Bildaufbau. Auf sehr vielen Karten gibt es eine Trennlinie zwischen unten und oben: eine Landschaft, ein Meer, eine Mauer, und darüber Himmel.

Zu fragen lohnt sich, was oben steht: Sonne, Mond, Sterne, Wolken, Vögel, nichts. Und wie hoch die Trennlinie liegt, ob die Figur klein vor einem großen Himmel steht oder den ganzen Ausschnitt ausfüllt.

In einer Legung entsteht daraus eine Art Wetterlage. Fünf Karten mit dunklen, wolkenverhangenen Himmeln und eine mit einer Sonne ergeben ein Bild, das jeder sofort sieht und das keine einzige Kartenbedeutung voraussetzt.

Vorder- und Hintergrund als zwei Ebenen

Die fünfte Frage trennt, was vorn ist, von dem, was dahinter liegt. Vorn steht meist die Figur oder der Gegenstand, hinten eine Landschaft, ein Gebäude, ein Weg, andere Personen.

Eine verbreitete Lesart nimmt den Vordergrund als das, was gerade beschäftigt, und den Hintergrund als das, was nicht im Blick ist. Das ist wieder eine Konvention, aber eine, die sich in der Praxis bewährt hat.

Auffällig sind vor allem Karten, auf denen im Hintergrund etwas geschieht, das die Figur nicht sieht. Solche Bilder tragen in einer Legung oft die Auskunft, die nicht gefragt war.

Der Abstand zwischen beiden Ebenen lohnt ebenfalls einen Blick. Auf manchen Karten liegt der Hintergrund weit entfernt, auf anderen steht er unmittelbar hinter der Figur, und dieser Unterschied lässt sich als Nähe oder Ferne des Nichtbeachteten lesen.

Fünf Fragen an jede Karte

Frage Was man ansieht Übliche Lesart
Wohin sieht die Figur? Kopf, Augen, Körperdrehung Richtung der Aufmerksamkeit
Was tun die Hände? Halten, geben, greifen, leer Festhalten oder Abgeben
Welche Farbe kehrt wieder? große Flächen, Gewand, Himmel Verbindung zwischen Karten
Was steht vorn, was hinten? Figur, Landschaft, Gebäude im Blick oder außerhalb
Was steht über dem Horizont? Himmel, Gestirne, Wolken Rahmen der Szene

Fünf Fragen, in dieser Reihenfolge, dauern pro Karte etwa zwanzig Sekunden. Bei drei Karten ist man in einer Minute durch und hat einen Befund, der sich aufschreiben lässt.

Die Reihenfolge ist nicht beliebig. Sie geht vom Auffälligsten zum Unauffälligsten, und wer sie einhält, kommt seltener in die Lage, das ganze Bild aus einem einzelnen Detail zu erklären.

Ein Beispiel mit drei Karten

Angenommen, links liegt eine Karte mit einer Figur, die nach rechts sieht und einen Gegenstand festhält. In der Mitte eine Figur, die nach links sieht und die Hände leer hat. Rechts eine Karte ohne Figur, nur ein Gegenstand vor hellem Himmel.

Ohne eine einzige Bedeutung ergibt das bereits einen Satz: Zwei Beteiligte sehen einander an, der eine hält etwas, der andere hat die Hände frei, und rechts liegt etwas, auf das keiner von beiden schaut.

Dieser Satz ist der Rohbefund. Er wird durch die Kartenbedeutungen ergänzt, nicht ersetzt, und wenn die Bedeutungen etwas ganz anderes nahelegen, ist das ein Grund, beides nebeneinander stehen zu lassen. Wie sich das mit der Positionsbedeutung verbindet, zeigt der Text über Tarot und Intuition.

Warum das bei Marseille-Karten anders läuft

Die Technik setzt voraus, dass auf den Karten Szenen abgebildet sind. Bei den Zahlenkarten der Marseille-Familie ist das nicht der Fall: Dort stehen die Farbzeichen in geometrischer Anordnung, mit Ranken dazwischen, ohne Figuren.

Bei diesen Karten trägt die Bildlektüre nur für die zweiundzwanzig Trümpfe und die sechzehn Hofkarten. Für die vierzig Zahlenkarten braucht es einen anderen Weg, meist über Zahl und Farbe.

Ausgestaltete Zahlenkarten sind eine jüngere Entwicklung und gehen auf ein Deck von 1909 zurück. Wer mit Bildlektüre arbeiten will, braucht ein Deck aus dieser Linie, und das ist eine Entscheidung, die vor dem Kauf fällt. Der Überblick zum Tarot ordnet die Familien historisch ein.

Wo die Bildlektüre überzieht

Drei Stellen sind heikel. Die erste betrifft Details, die aus der Drucktechnik stammen: Farbabweichungen zwischen Auflagen, gespiegelte Motive, veränderte Ränder. Sie sehen aus wie Bedeutung und sind Herstellung.

Die zweite betrifft die Absicht. Jede Darstellung stammt von einer Person, die Entscheidungen getroffen hat, und nicht jede Entscheidung ist bedeutungsvoll. Ein Gewand ist manchmal blau, weil daneben schon Rot lag.

Die dritte betrifft die Menge. Wer an jeder Karte zwanzig Details findet, findet zu jeder Frage eine Bestätigung. Fünf Fragen sind deshalb eine Obergrenze und keine Auswahl aus einer längeren Liste. Die begriffliche Seite dieser Zeichen behandelt der Überblick zur Ikonografie.

Eine Übung für zwei Wochen

Eine Hand hält eine einzelne Karte über einer Tischplatte aus hellem Holz
Shixart1985 / CC BY 2.0
  1. Täglich eine Karte ziehen und vor jeder Deutung die fünf Fragen durchgehen.
  2. Die Antworten in fünf kurzen Zeilen notieren, ohne Bedeutungswort.
  3. Danach in einem Satz zusammenfassen, was auf der Karte geschieht.
  4. Erst jetzt nachschlagen, was die überlieferte Bedeutung sagt.
  5. Die Abweichung zwischen beidem in einer Zeile festhalten.
  6. Am Ende der zwei Wochen die Abweichungen durchsehen und nach Mustern suchen.

Der fünfte Schritt ist der eigentliche Ertrag. Nach zwei Wochen sieht man, an welchen Stellen die eigene Bildlektüre regelmäßig in dieselbe Richtung zieht, und das ist eine Information über die eigene Deutungsgewohnheit.

Wer schon mit einer täglichen Karte arbeitet, hängt die Übung einfach daran. Der Ablauf dafür steht im Text über die Arbeit mit dem Tagestarot.

Was eine Legung nicht beantwortet

Karten sind ein symbolisches Werkzeug und Material für Unterhaltung und persönliche Reflexion. Sie stellen nichts fest, sagen nichts voraus und wissen nichts über abwesende Personen.

Für medizinische, rechtliche und finanzielle Fragen gibt es zuständige Berufe. Erfahrene Legerinnen lehnen solche Fragen ab, statt eine Auskunft zu geben, die sie nicht verantworten können, und das gilt unabhängig davon, wie eindeutig ein Bild wirkt.

Was die Bildlektüre leistet, ist bescheidener und trotzdem brauchbar: Sie zwingt dazu, hinzusehen, bevor gedeutet wird. Wer damit anfängt, findet die Grundlagen im Einstiegstext zu den Karten und ihren Bedeutungen.

Häufige Fragen

Funktioniert das mit jedem Deck?

Mit jedem Deck, dessen Karten Szenen zeigen. Bei geometrisch gestalteten Zahlenkarten trägt die Technik nur für Trümpfe und Hofkarten, und dort dafür sehr gut.

Muss ich die Kartenbedeutungen dann gar nicht lernen?

Doch. Die Bildlektüre ist ein Einstieg und ein Prüfstein, kein Ersatz. Sie macht das Lernen leichter, weil die Bedeutungen an sichtbaren Einzelheiten hängen bleiben.

Was mache ich bei umgekehrt liegenden Karten?

Die Blickrichtung kehrt sich mit. Wer mit Umkehrungen arbeitet, sollte vorher festlegen, ob er die Richtung mitdreht oder die Karte für die Bildfrage aufrichtet, und dabei bleiben.

Zählt der Hintergrund wirklich mit?

In dieser Technik ja, als eigene Ebene. Er wird getrennt notiert und nicht mit dem Vordergrund verrechnet, sonst entsteht aus zwei Auskünften eine einzige, die beide verwischt.

Wie halte ich mich davon ab, zu viel hineinzulesen?

Durch die Begrenzung auf fünf Fragen und durch das Aufschreiben. Was nicht in fünf Zeilen passt, kommt nicht in die Deutung, und diese Regel erledigt den größten Teil des Problems. Für längere Legungen hilft dieselbe Begrenzung, etwa bei der Anleitung zur keltischen Kreuzlegung.

Wohin die Figuren sehen, ist in zwei Sekunden erfasst und in keinem Begleitbuch verzeichnet. Wer damit anfängt, hat am ersten Abend eine Legung gelesen, statt sie nachgeschlagen zu haben.

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