Start / Energiezentren / Am siebten Zentrum endet, was die Chakrenlehre beschreiben kann

Am siebten Zentrum endet, was die Chakrenlehre beschreiben kann

Geöffnete Lotosblüte auf ruhigem Wasser mit breiten grünen Blättern ringsum

Auf den Tafeln in Kursräumen steht das siebte Zentrum ganz oben, violett, mit derselben Sorgfalt gezeichnet wie die sechs darunter. In den Quellentexten steht es nicht in derselben Reihe. Es wird gesondert behandelt, nach dem Abschluss der Aufzählung, und in mehreren Beschreibungen liegt es gar nicht mehr im Körper.

Damit endet an dieser Stelle etwas. Die sechs Zentren darunter lassen sich beschreiben: Ort, Blätter, Silbe, Element, Sinn, Übung. Beim siebten fällt eine Angabe nach der anderen weg, und übrig bleibt eine Beschreibung, die kaum noch etwas beschreibt.

Dieser Text nimmt genau das zum Gegenstand. Was in den Texten steht, was fehlt, warum es fehlt, und welche Übungen es dazu überhaupt gibt. Er schließt eine Reihe ab, die mit dem Wurzelzentrum begonnen hat.

  • Name: Sahasrara, tausendblättrig
  • Ort: am Scheitel oder oberhalb davon, in den Texten uneinheitlich
  • Blätter: tausend, mit den fünfzig Schriftzeichen in zwanzigfacher Wiederholung
  • Keimsilbe: keine eigene
  • Element, Sinn, Handlungsorgan: keines
  • Stellung: in mehreren Quellen außerhalb der Sechserreihe
  • Übungsdauer: kurz, ohne Zielvorgabe, mit Abschluss nach unten

Die Reihe endet nicht wie die sechs davor

Wer die Beschreibungen der unteren Zentren nebeneinanderlegt, sieht ein festes Schema. Jedes hat eine Ortsangabe, eine Blätterzahl, eine Silbe, ein Element, einen zugeordneten Sinn und ein Handlungsorgan, dazu Gottheiten und ein Tier.

Beim sechsten bricht dieses Schema teilweise ab, weil die Reihe der fünf Elemente aufgebraucht ist. Beim siebten bricht es vollständig ab. Es bleiben eine Ortsangabe, eine Blätterzahl und eine Reihe von Bildern, die keine Zuordnung mehr enthalten.

Das ist kein Überlieferungsverlust. Die Texte machen den Bruch ausdrücklich, indem sie das siebte Zentrum außerhalb der Aufzählung behandeln, und die Kommentare gehen darauf ein. Wie das Schema bei den unteren Zentren aussieht, zeigt der Überblick über die sieben Chakren und ihre Verbindung zu den Planeten.

Sahasrara heißt tausendblättrig

Der Name ist eine reine Zahlangabe. Er sagt nichts über eine Funktion, eine Eigenschaft oder eine Wirkung, sondern beschreibt ein Bild: einen Lotos mit tausend Blättern.

Die Zahl ist dabei keine Zählung, sondern eine Größenangabe im Sinne von unzählig. In der indischen Bildsprache steht tausend für eine Menge, die man nicht mehr durchgeht, und dieselbe Zahl taucht in anderen Zusammenhängen mit derselben Bedeutung auf.

Auf den Blättern stehen nach der Beschreibung die fünfzig Schriftzeichen des Sanskritalphabets, zwanzigmal wiederholt. Damit ist auch der Bezug zu den unteren Zentren hergestellt, deren Blätter jeweils einen Teil desselben Alphabets tragen.

Die Rechnung geht auf: Fünfzig mal zwanzig ergibt tausend. Was unten auf sechs Zentren verteilt ist, steht hier vollständig und mehrfach, und in dieser Anordnung liegt der einzige inhaltliche Hinweis, den der Name überhaupt gibt.

Im Deutschen wird der Begriff meist mit Scheitelzentrum oder Kronenchakra wiedergegeben. Beide Übertragungen benennen den Ort und lassen die Blätterzahl weg, obwohl gerade sie im Namen steht.

Warum das Kronenchakra kein Zentrum wie die anderen ist

Die sechs unteren Zentren sind in den Übungstexten Gegenstände der Konzentration. Man richtet die Aufmerksamkeit dorthin, arbeitet mit einer Silbe, einem Bild oder einem Atemrhythmus, und es gibt Anweisungen dafür.

Beim Kronenchakra fehlen diese Anweisungen weitgehend. Es wird beschrieben als der Ort, an dem etwas ankommt, nicht als der Ort, an dem etwas geübt wird, und diese Unterscheidung zieht sich durch die Kommentarliteratur.

Daraus folgt eine ungewohnte Konsequenz für den Kursraum. Ein Zentrum, zu dem die Überlieferung keine eigene Übung kennt, lässt sich auch nicht auf dieselbe Weise unterrichten wie die sechs darunter, und Angebote, die das behaupten, ergänzen etwas.

Der Ort: am Scheitel oder oberhalb davon

Die Ortsangaben schwanken. Ein Teil der Beschreibungen setzt das Zentrum an den Scheitel, ein anderer eine Handbreit darüber, ein dritter beschreibt es als nach unten geöffnet, also mit den Blättern zum Kopf hin.

Diese Schwankung ist bei den unteren Zentren geringer. Dort geht es um wenige Zentimeter, hier um die Frage, ob der Ort überhaupt noch im Körper liegt.

Ein Teil der Kommentare löst den Widerspruch damit auf, dass er zwei Stellen unterscheidet: eine im Scheitel und eine darüber. Andere lassen ihn stehen. Eine verbindliche Antwort gibt es nicht, und die Grafiken, die eine Scheibe genau auf den Scheitel zeichnen, entscheiden eine Frage, die offen ist.

Für die Praxis heißt das eine schlichte Zurückhaltung. Wer eine Stelle sucht, an die er die Aufmerksamkeit legen kann, findet hier keine klare Angabe, und das Suchen selbst führt bei vielen Übenden zu einer Anspannung im Kopfbereich, die nicht beabsichtigt ist.

Keine Keimsilbe, kein Element, kein Reittier

Die Aufzählung der fehlenden Angaben ist der aufschlussreichste Teil der Beschreibung. Es gibt keine Keimsilbe, wie sie zu jedem der fünf unteren Zentren gehört. Es gibt kein Element, weil die Fünferreihe abgeschlossen ist.

Es gibt keinen zugeordneten Sinn und kein Handlungsorgan, weil auch diese Reihen mit dem fünften Zentrum enden. Es gibt kein Tier, während bei den unteren Zentren jeweils eines genannt wird.

Was bleibt, sind Bilder ohne Zuordnung: der Lotos, ein Mond, ein Punkt, ein Dreieck, je nach Text. Sie werden nicht erklärt, sie stehen da, und die Kommentare deuten sie sehr verschieden.

Wer eine Tafel im Kursraum daneben hält, findet dort trotzdem alle Felder gefüllt: eine Farbe, eine Drüse, ein Sinn, oft auch ein Stein und ein Duft. Jede dieser Angaben ist im letzten Jahrhundert ergänzt worden, und keine davon steht in den Beschreibungen, auf die sich die Tafel beruft.

Sechs oder sieben: was der Quellentext zählt

Alte Handschrift auf Palmblättern mit eng geschriebenen Zeilen in indischer Schrift
Ms Sarah Welch / BY-SA 4.0

Der Sanskrittext des 16. Jahrhunderts, der die Grundlage der meisten heutigen Darstellungen bildet, beschreibt sechs Zentren und behandelt das siebte anschließend gesondert. Sein Titel bezieht sich auf die Beschreibung von sechs Kreisen.

Die Zahl sieben entsteht erst durch das Zusammenzählen. Sie ist nicht falsch, aber sie glättet eine Unterscheidung, die im Text ausdrücklich gemacht wird, und im Westen ist die Siebenerreihe zur Standarddarstellung geworden.

Andere Überlieferungen zählen ganz anders. Es gibt Aufzählungen mit vier, fünf, neun und mehr Zentren, und die Auswahl von sechs plus einem ist eine unter mehreren, nicht die einzige. Die Grundzüge dieses Modells behandelt der Überblick zum Chakra.

Die Reihe im Vergleich

Zentrum Element Keimsilbe Sinn Übung in den Quellen
erstes Erde LAM Geruch ja
zweites Wasser VAM Geschmack ja
drittes Feuer RAM Sehen ja
viertes Luft YAM Berührung ja
fünftes Raum HAM Hören ja
sechstes keines OM keiner knapp
siebtes keines keine keiner keine eigene

Die letzte Spalte ist die entscheidende. Von oben nach unten gelesen zeigt die Tabelle, wie die Angaben Zeile für Zeile ausdünnen, bis in der untersten nichts mehr steht.

Wer eine Tafel sieht, auf der auch die letzte Zeile gefüllt ist, hält eine Ergänzung in der Hand. Das muss kein Fehler sein, gehört aber gekennzeichnet, gerade wenn sich die Tafel auf alte Texte beruft.

Der Mond, der Nektar und die Zwischenstufen

Zwischen dem sechsten und dem siebten Zentrum beschreiben mehrere Texte weitere Stufen: einen Punkt, einen Mond, kleinere Lotosblüten mit zwölf oder sechzehn Blättern. Die Namen und die Zahl dieser Zwischenstufen weichen von Text zu Text ab.

Verbunden ist damit ein Bild, das in der Hatha-Literatur breit vorkommt: ein Nektar, der von oben herabtropft und im Verdauungsfeuer verbraucht wird. Bestimmte Übungen sollen ihn zurückhalten, und daran hängen mehrere klassische Techniken.

Für den heutigen Kursraum ist dieser ganze Bereich verschwunden. Auf den Tafeln steht zwischen dem sechsten und dem siebten Zentrum nichts, und damit fällt auch der Zusammenhang weg, in dem die alten Beschreibungen überhaupt stehen.

Was die Überlieferung dort beschreibt

Beschrieben wird das siebte Zentrum als Ziel eines Vorgangs. In der Sprache der Texte steigt eine Kraft entlang der mittleren Bahn auf und erreicht dort ihren Endpunkt, und dieser Vorgang ist der eigentliche Gegenstand der Darstellung.

Beschrieben wird außerdem ein Zustand, der sich nicht mehr in Zuordnungen fassen lässt. Die Texte verwenden dafür Verneinungen: kein Element, keine Eigenschaft, keine Zweiheit. Das ist eine bewusste Form und keine Auslassung.

Was daraus für eine Übungspraxis folgt, ist wenig. Ein beschriebener Endpunkt ist keine Anleitung, und die Texte selbst behandeln ihn auch nicht als solche. Zur aufsteigenden Kraft gibt es einen eigenen Überblick zur Kundalini.

Violett stammt aus der Spektralreihe

Violett ist die siebte Farbe der üblichen Regenbogenreihe, und das siebte Zentrum bekommt sie. Mehr Begründung steckt nicht dahinter, und die Zuordnung ist keine hundertfünfzig Jahre alt.

In den Quellentexten wird das Zentrum nicht violett beschrieben. Genannt werden Weiß und ein Leuchten, und in manchen Passagen wird ausdrücklich gesagt, dass eine Farbangabe hier nicht mehr trägt.

Als Merkhilfe ist die Farbreihe brauchbar, weil sie die Zentren in eine leicht zu behaltende Ordnung bringt. Als Angabe aus einer alten Quelle ist sie es nicht, und der Unterschied gehört benannt.

Wie das Zentrum im Westen zum Anschluss ans Höhere wurde

In der westlichen Rezeption ab dem späten neunzehnten Jahrhundert bekam das siebte Zentrum eine Aufgabe, die es vorher nicht hatte: die Verbindung zu etwas Übergeordnetem, oft in einer religiös offenen Sprache formuliert.

Diese Deutung passt gut zu einer Reihe, die von unten nach oben verläuft und dabei von Körperlichem zu Nichtkörperlichem fortschreitet. Sie stammt aber aus dieser Rezeption und nicht aus den Beschreibungen.

Zu erkennen ist die Herkunft an der Wortwahl. Wo in den Übersetzungen Begriffe aus der Theosophie und der Lebensreform auftauchen, liest man eine europäische Schicht und keine indische Angabe, auch wenn die Sanskritnamen daneben stehen.

Praktisch hat das eine Folge, die in Kursen häufig auftritt. Wer erwartet, an dieser Stelle etwas zu erleben, bewertet das Ausbleiben als eigenes Versagen und steigert die Dauer. Beides ist überflüssig, und es widerspricht der Zurückhaltung, mit der die Texte hier vorgehen.

Welche Übungen es dazu überhaupt gibt

Es gibt drei Gruppen, und keine davon richtet sich unmittelbar auf das Zentrum selbst. Die erste besteht aus langem, ruhigem Sitzen ohne Gegenstand der Aufmerksamkeit, wie es in mehreren Traditionen beschrieben wird.

Die zweite besteht aus Rezitation, meist mit der Silbe, die dem sechsten Zentrum zugeordnet ist. Sie hat den Vorteil, dass sie etwas Konkretes zu tun gibt und keine Vorstellung erzwingt.

Die dritte besteht aus dem Weglassen. In den Texten steht an dieser Stelle wiederholt der Hinweis, dass hier nichts hergestellt, gesucht oder erzeugt wird. Für ein Selbststudium ist das die belastbarste Anweisung, die sich finden lässt. Wie sich Atemarbeit dazu verhält, behandelt der Text über Atemarbeit und Astrologie.

Zehn Minuten ohne Zielvorgabe

Rundes Sitzkissen auf einem hellen Holzboden in einem leeren, ruhigen Raum
  1. Vier Minuten aufrecht sitzen, Augen geschlossen, Kiefer, Stirn und Kopfhaut bewusst locker lassen.
  2. Drei Minuten die Aufmerksamkeit weit lassen, ohne sie an einen Punkt zu binden. Kommt ein Bild, kommentarlos weiterziehen lassen.
  3. Zwei Minuten die Aufmerksamkeit nach unten führen: in die Handflächen, in die Sitzfläche, in die Füße.
  4. Eine Minute sitzen bleiben, ohne etwas zu tun, und danach die Augen öffnen.

Der dritte Schritt ist der wichtigste und wird am häufigsten weggelassen. Wer nach einer Übung im Kopfbereich sofort aufsteht, berichtet häufiger von Benommenheit und Unruhe, und das Herunterführen der Aufmerksamkeit dauert zwei Minuten.

Länger als zehn Minuten braucht diese Form nicht zu sein. Ohne Anleitung sollte sie es auch nicht werden, und Regelmäßigkeit trägt an dieser Stelle mehr als Dauer. Was dazu an Alltagspraxis gehört, steht im Text über Erdung und Energiearbeit im Alltag.

Wann eine Praxis abgebrochen gehört

Es gibt Anzeichen, bei denen eine Übung endet und nicht verlängert wird. Anhaltender Kopfdruck, Schlafstörungen über mehrere Nächte, ein Gefühl, neben sich zu stehen, das nach dem Sitzen nicht wieder verschwindet, starke Unruhe oder Angst.

Solche Zustände sind in der Übungsliteratur bekannt und werden dort mit langen, unbegleiteten Einheiten in Verbindung gebracht. Der übliche Rat lautet: aufhören, sich bewegen, essen, mit jemandem sprechen, und nicht weiterüben, bis es vorbei ist.

Wer psychisch belastet ist, in Behandlung steht oder eine Erkrankung mit veränderter Wahrnehmung kennt, sollte intensive Meditationsformen nur nach Rücksprache mit den behandelnden Fachleuten aufnehmen. Das ist keine Formalität, sondern folgt aus den Erfahrungsberichten selbst.

Wo die Beschreibung endet

Die Chakrenlehre ist ein Übungsmodell aus einer bestimmten Überlieferung. Sie beschreibt keine Organe, stellt keine Befunde fest und erklärt keine Beschwerden, und am siebten Zentrum hört sie ausdrücklich auf, überhaupt etwas zuzuordnen.

Für gesundheitliche Fragen sind ärztliche und therapeutische Fachleute zuständig. Kopfschmerz, Schwindel, Wahrnehmungsveränderungen und anhaltende Schlaflosigkeit gehören abgeklärt und nicht gedeutet.

Was bleibt, ist eine bemerkenswerte Zurückhaltung in den Quellen. Die Beschreibung wird zum Ende hin dünner statt dichter, und diese Bewegung ist der ehrlichste Teil des ganzen Modells. Wie weit ein Deutungssystem tragen soll, verhandelt der Text über die Rolle von Spiritualität in der astrologischen Praxis.

Häufige Fragen

Kann man das Kronenchakra öffnen?

Die Sprache vom Öffnen stammt aus der Ratgeberliteratur. In den Quellentexten steht kein Vorgang, den eine übende Person herbeiführt, sondern die Beschreibung eines Endpunkts. Üben lässt sich ruhiges Sitzen, mehr sagt die Überlieferung an dieser Stelle nicht zu.

Warum hat es tausend Blätter?

Weil tausend in dieser Bildsprache für unzählig steht. Auf den Blättern stehen die fünfzig Schriftzeichen in zwanzigfacher Wiederholung, und damit ist die Zahl eher eine Rechnung als eine Zählung.

Gehört es nun zur Reihe oder nicht?

Beides ist vertretbar. Der Quellentext behandelt sechs Zentren und dieses eine gesondert; die heute übliche Darstellung zählt sieben. Wer die Reihe verwendet, sollte den Bruch mitnennen.

Was ist mit der Zirbeldrüse?

Diese Gleichsetzung betrifft in der westlichen Literatur meist das sechste Zentrum und stammt aus dem späten neunzehnten Jahrhundert. In den Sanskritquellen zu den Zentren kommt keine Drüse vor.

Wie lange sollte ich sitzen?

Ohne Anleitung eher kurz und regelmäßig. Zehn Minuten täglich sind für ein Selbststudium eine tragfähige Größe, und eine Steigerung gehört in die Hände einer Lehrperson, die auch abrät.

Am siebten Zentrum wird die Überlieferung leiser. Sie nennt keine Silbe, kein Element und keine Übung, und wer diese Leerstellen stehen lässt, statt sie zu füllen, hält am Ende genau das in der Hand, was die Texte tatsächlich hergeben.

Markiert: