Wer heute nach Aura sucht, findet fast überall dieselbe Abbildung: ein menschlicher Umriss, umgeben von mehreren farbigen, ineinander verschachtelten Schichten mit eigenen Namen. Dieses Bild wirkt wie eine uralte Überlieferung. Tatsächlich ist es deutlich jünger, als es scheint.
Der Begriff selbst ist alt, die heute verbreitete Vorstellung von Aura Schichten in genau sieben benannten Stufen stammt dagegen zu großen Teilen aus Schriften des zwanzigsten Jahrhunderts. Dazwischen liegt eine Entdeckung aus der Fotografie, die das Thema in der zweiten Jahrhunderthälfte zusätzlich populär machte.
Dieser Text zeichnet diesen Weg nach und trennt, was sich belegen lässt, von dem, was Überlieferung und Vermarktung daraus gemacht haben.
- Ursprung des Wortes: lateinisch für Lufthauch, seit der Antike für einen umgebenden Schein verwendet
- Wichtige Zwischenstation: Schriften der Theosophischen Gesellschaft ab dem frühen 20. Jahrhundert
- Populäre Systematisierung: ein Sieben-Schichten-Modell aus späteren Büchern des 20. Jahrhunderts
- Vielzitierte Entdeckung: die Kirlianfotografie von 1939
- Wissenschaftliche Erklärung dafür: ein physikalisch gut verstandener Entladungseffekt
- Was bleibt: ein kulturell einflussreiches Bild ohne physikalischen Nachweis eines eigenen Energiefelds
Ein Wort, viele verschiedene Bilder dahinter
Wer von Aura spricht, meint je nach Kontext etwas anderes: einen mystischen Lichtschein um Heilige in der Kunstgeschichte, ein angebliches Energiefeld in esoterischen Kreisen, oder einen medizinischen Fachbegriff für Wahrnehmungsstörungen vor einem epileptischen Anfall. Dieser Text behandelt ausschließlich die esoterische Bedeutung.
Innerhalb dieser esoterischen Bedeutung gibt es wiederum keine einheitliche Lehre, sondern mehrere, teils widersprüchliche Beschreibungen, die sich über gut anderthalb Jahrhunderte angesammelt haben.
Diese Vielstimmigkeit ist typisch für esoterische Begriffe, die über lange Zeit von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren aufgegriffen und jeweils neu ausgestaltet wurden. Ein einzelner, verbindlicher Referenztext, an dem sich eine korrekte Verwendung ablesen ließe, existiert für diesen Begriff nicht.
Was der Begriff Aura ursprünglich bezeichnete
Das lateinische Wort bezeichnete ursprünglich schlicht einen Hauch oder eine Brise und wurde erst später auf einen leuchtenden Schein übertragen, der einen Körper umgibt. In dieser Bedeutung findet sich der Begriff bereits in älteren okkulten und alchemistischen Schriften, allerdings ohne die heute übliche Feinunterteilung in mehrere benannte Schichten.
Diese frühe Verwendung war bildhaft und unsystematisch, verglichen mit den detaillierten Modellen, die erst im zwanzigsten Jahrhundert entstanden.
Auch in der lateinischen Dichtung findet sich das Wort gelegentlich für einen sanften Windhauch, ohne jeden Bezug zu einem Körperfeld. Erst die spätere okkulte Aneignung verschob die Bedeutung schrittweise in Richtung eines sichtbaren oder wahrnehmbaren Umgebungsscheins.
Von der Heiligenschein-Ikonografie zum Energiefeld
Ein verwandtes Bild findet sich lange vor jeder esoterischen Systematik in der religiösen Kunst: der Heiligenschein, ein leuchtender Kreis oder Strahlenkranz um den Kopf einer als heilig dargestellten Figur. Diese künstlerische Tradition reicht weit zurück und ist unabhängig von der späteren esoterischen Auralehre entstanden.
Im neunzehnten Jahrhundert begannen verschiedene spiritistische und okkulte Strömungen, dieses Bildmotiv mit der Vorstellung eines den ganzen Körper umgebenden, unsichtbaren Feldes zu verbinden, aus dem sich die spätere Auralehre entwickelte.
Diese Übertragung war kein einzelner, benennbarer Moment, sondern ein allmählicher Vorgang über mehrere Jahrzehnte, in dem verschiedene Autorinnen und Autoren ähnliche Bilder unabhängig voneinander weiterentwickelten, bevor sie sich zu einem gemeinsamen Vorstellungsbild verdichteten.
Die Theosophische Gesellschaft und ihre Rolle
Eine zentrale Rolle bei der Ausformulierung spielten Schriften aus dem Umfeld der Theosophischen Gesellschaft, einer im späten neunzehnten Jahrhundert gegründeten Bewegung, die östliche und westliche esoterische Vorstellungen miteinander verband. Autorinnen und Autoren aus diesem Umfeld beschrieben in ihren Werken erstmals ausführlich mehrere ineinanderliegende Körper oder Hüllen um den physischen Leib.
Diese frühen Beschreibungen unterscheiden sich in Anzahl und Benennung der Schichten von Autor zu Autor und bilden noch kein einheitliches, feststehendes Modell.
Die Gesellschaft selbst verstand sich als Brücke zwischen östlichen und westlichen Vorstellungswelten und übernahm dabei Begriffe aus dem Sanskrit ebenso wie aus der westlichen okkulten Tradition, was die spätere Vermischung von Chakren- und Auralehre zusätzlich begünstigte.
Wie aus einer Farbe eine Schicht wurde
Parallel zu den Schichtmodellen entwickelte sich die Vorstellung, einzelnen Farben im wahrgenommenen Feld ließen sich bestimmte seelische Zustände zuordnen, ähnlich wie es bei den später populären Chakrenfarben geschah. Beide Systeme, Aura-Schichten und Chakren-Farben, entstanden zeitlich und personell in enger Nachbarschaft.
Aus dieser Nähe erklärt sich, warum viele spätere Darstellungen beide Systeme kombinieren, obwohl sie ursprünglich unterschiedliche Schwerpunkte hatten: die Chakrenlehre die Zentren entlang der Wirbelsäule, die Auralehre das umgebende Feld als Ganzes.
Trotz dieses Unterschieds im Ansatz übernahmen spätere Darstellungen oft dieselbe Farbreihe für beide Systeme, was den Eindruck einer gemeinsamen, in sich stimmigen Lehre erzeugte, obwohl die Übertragung nachträglich und nicht durchgängig konsistent erfolgte.
Aura Schichten: die sieben Stufen, wie sie heute meist beschrieben werden
Das heute am weitesten verbreitete Modell benennt sieben Schichten, von einer körpernahen bis zu einer weit ausgedehnten, oft mit Bezeichnungen wie ätherisch, emotional, mental und kausal versehen. Dieses konkrete Sieben-Schichten-Modell geht maßgeblich auf ein einflussreiches Buch aus den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zurück, das die vorherigen, uneinheitlichen Beschreibungen zu einem geschlossenen System zusammenfasste.
Wer dieses Modell als jahrtausendealte Überlieferung darstellt, verschweigt damit seine tatsächlich recht junge und klar datierbare Entstehung.
Das Buch selbst stammt aus der Feder einer Autorin mit Hintergrund in Physik und Heilpraxis, die ihre eigenen Wahrnehmungen mit älteren theosophischen Begriffen verband. Diese persönliche Herkunft erklärt, warum das Modell bestimmte, individuell geprägte Akzente trägt, die sich in älteren Quellen nicht in dieser Form finden.
Woher genau diese Siebenteilung stammt
Die Zahl Sieben selbst ist keine Erfindung dieses Modells, sondern eine in mehreren esoterischen Systemen wiederkehrende Zahl, die sich unter anderem auch in der westlichen Sieben-Chakren-Lehre findet. Die Übertragung dieser Zahl auf die Auraschichten folgt eher einer ästhetischen und systematischen Vorliebe für Siebenerreihen als einer eigenständigen, unabhängig belegten Beobachtung.
Andere Autorinnen und Autoren derselben Zeit kommen auf abweichende Zahlen von Schichten, was zeigt, dass es sich um eine gewählte Systematik handelt, nicht um eine feststehende Tatsache.
Manche ältere theosophische Texte kommen mit vier oder fünf Hüllen aus, andere zählen bis zu neun. Die Bandbreite dieser Zahlen macht deutlich, dass die spätere Festlegung auf sieben eine redaktionelle Entscheidung war, keine aus der Beobachtung zwingend folgende Größe.
Die Kirlianfotografie: eine Entdeckung mit großer Wirkung

1939 entwickelte ein sowjetisches Ehepaar ein fotografisches Verfahren, bei dem Objekte unter Hochspannung fotografiert werden und dabei von einem leuchtenden Rand umgeben erscheinen. Diese Aufnahmen wurden ab den sechziger Jahren im Westen bekannt und vielfach als fotografischer Beweis für die Aura interpretiert.
Die Bilder wirkten eindrücklich, weil sie zum ersten Mal etwas sichtbar machten, das dem populären Bild eines Energiefeldes optisch ähnelte, unabhängig davon, was physikalisch tatsächlich abgebildet wurde.
In den siebziger Jahren erlebte die Methode einen regelrechten Boom in populärwissenschaftlichen und esoterischen Zeitschriften, die Aufnahmen von Blättern, Fingerspitzen und Gegenständen zeigten und daraus weitreichende Schlüsse über Lebensenergie zogen.
Was die Kirlianfotografie tatsächlich zeigt
Physikalisch handelt es sich um eine sogenannte Koronaentladung, einen bekannten Effekt, der entsteht, wenn ein Objekt unter Hochspannung an feuchter Luft eine kleine elektrische Entladung erzeugt. Feuchtigkeit, Druck und elektrische Leitfähigkeit der Oberfläche beeinflussen das Bild deutlich stärker als der Zustand der fotografierten Person.
Dieser Effekt tritt auch bei unbelebten, elektrisch leitfähigen Gegenständen auf und ist unabhängig von einem angeblichen Lebensenergiefeld physikalisch vollständig erklärt.
Wiederholte Versuche zeigen zudem, dass sich das Muster der Entladung bei ein und derselben Person je nach Tagesform, Schweißfeuchte der Haut und Anpressdruck deutlich verändert, was gegen eine stabile, personengebundene Eigenschaft im Sinn einer festen Aura spricht.
Warum die Aufnahmen keine Aura im esoterischen Sinn belegen
Damit eine Aufnahme als Beleg für ein esoterisches Energiefeld gelten könnte, müsste der beobachtete Effekt sich nicht durch bekannte physikalische Vorgänge erklären lassen. Genau das ist bei der Kirlianfotografie jedoch der Fall, weshalb sie in der Wissenschaft nicht als Nachweis einer Aura im esoterischen Sinn anerkannt wird.
Das schmälert nicht den kulturellen Einfluss der Bilder, trennt aber die physikalische Erklärung von der esoterischen Deutung, die ihnen später zugeschrieben wurde.
Wer die Bilder heute zeigt, sollte diese Doppelbödigkeit offenlegen: eindrucksvolles Foto eines realen physikalischen Effekts auf der einen Seite, eine nicht belegte esoterische Interpretation auf der anderen.
Wie Praktizierende die Schichten heute beschreiben
In der heutigen Praxis wird das Sieben-Schichten-Modell meist als Rahmen für Wahrnehmungsübungen verwendet, weniger als physikalische Behauptung. Beschrieben werden subjektive Eindrücke wie Wärme, Kribbeln oder ein Gefühl von Nähe und Distanz um den eigenen oder einen fremden Körper.
Diese Beschreibung verschiebt den Anspruch von einer objektiv messbaren Größe zu einer persönlichen Wahrnehmungserfahrung, was den Umgang mit dem Thema deutlich redlicher macht als ein Anspruch auf physikalischen Nachweis.
Manche Kursleitungen verzichten inzwischen ganz auf die sieben festen Namen und sprechen stattdessen allgemeiner von Nähe- und Distanzempfinden, um den Eindruck eines feststehenden physikalischen Modells gar nicht erst entstehen zu lassen.
Was sich davon prüfen lässt und was nicht
Prüfen lässt sich, ob und wie Menschen bestimmte Wahrnehmungen um einen Körper herum beschreiben, und ob sich diese Beschreibungen zwischen verschiedenen Personen decken. Kontrollierte Untersuchungen zu dieser Frage haben bislang keinen zuverlässigen, von Zufall unterscheidbaren Effekt gezeigt.
Nicht prüfen lässt sich mit den vorhandenen Mitteln, ob ein eigenständiges Energiefeld im esoterischen Sinn existiert, weil dafür bislang kein reproduzierbares Messverfahren vorliegt.
Diese Lücke zwischen subjektiver Erfahrung und objektivem Nachweis ist kein Sonderfall dieses Themas, sondern betrifft mehrere Bereiche der Wahrnehmungsforschung, in denen sich persönliches Erleben schwerer prüfen lässt als äußerlich messbare Größen.
Eine Übung zur eigenen Wahrnehmung, ohne Wirkungsanspruch

- Die eigenen Hände in ruhigem Abstand voreinander halten, ohne sich zu berühren.
- Die Handflächen langsam aufeinander zu und wieder auseinander bewegen.
- Auf Wärme, Druck oder ein Kribbeln zwischen den Händen achten.
- Die eigene Beobachtung in wenigen Worten notieren, ohne sie sofort zu deuten.
- Die Übung an einem anderen Tag wiederholen und die Notizen vergleichen.
Die Übung beschreibt eine Wahrnehmungserfahrung, kein physikalisches Messverfahren, und sie sollte auch so verstanden und weitergegeben werden.
Warum das Thema trotzdem so viele Menschen anspricht
Ungeachtet der fehlenden physikalischen Grundlage bleibt das Bedürfnis, den eigenen Körper als mehr als eine rein biologische Hülle zu erleben, weit verbreitet. Das Konzept der Aura Schichten bietet dafür eine bildhafte, leicht zugängliche Sprache.
Diese Anziehungskraft erklärt sich weniger aus einem Beweis als aus einem Bedürfnis nach Bedeutung und Zusammenhang, das sich in unterschiedlichen Kulturen in unterschiedlichen Bildern ausdrückt, von der Aura bis zur Seele im religiösen Sinn.
Wer dieses Bedürfnis anerkennt, kann mit dem Bild arbeiten, ohne ihm einen Beweisanspruch aufzuerlegen, den es nicht einlösen kann und muss.
Was der Begriff heute vor allem leistet
Unabhängig von der physikalischen Frage bleibt der Begriff ein kulturell wirksames Bild für die Vorstellung, dass ein Mensch mehr ist als sein sichtbarer Körper. Diese Vorstellung hat in vielen Traditionen eigene, unterschiedliche Ausdrucksformen gefunden, von denen das Sieben-Schichten-Modell nur eine, vergleichsweise junge Variante ist.
Wer mit dem Bild arbeitet, sollte es entsprechend einordnen: als kulturell gewachsenes Deutungsangebot, nicht als physikalisch nachgewiesene Tatsache.
Häufige Fragen
Gibt es die Aura wirklich?
Ein physikalisch nachgewiesenes Energiefeld in dem beschriebenen Sinn gibt es nach heutigem Kenntnisstand nicht. Als subjektive Wahrnehmungserfahrung und kulturelles Bild existiert das Konzept seit Langem.
Ist die Kirlianfotografie eine Fälschung?
Nein, die Aufnahmen selbst sind echt und zeigen einen realen physikalischen Effekt, die Koronaentladung. Falsch ist lediglich die spätere Deutung als Beweis für ein esoterisches Energiefeld.
Woher kommt genau die Zahl sieben bei den Schichten?
Sie folgt der Vorliebe mehrerer esoterischer Systeme für Siebenerreihen und wurde in einem einflussreichen Buch des späten 20. Jahrhunderts systematisiert, nicht aus einer eigenständig belegten Beobachtung abgeleitet.
Kann ich lernen, eine Aura zu sehen?
Viele Menschen berichten von Wahrnehmungen dieser Art, häufig erklärbar durch optische Effekte wie Nachbilder oder Ermüdung der Augen. Ein zuverlässiges, von Zufall unterscheidbares Sehen im esoterischen Sinn ist bislang nicht belegt.
Hängt die Auralehre mit der Chakrenlehre zusammen?
Beide Systeme entstanden zeitlich und personell in enger Nachbarschaft und werden oft gemeinsam dargestellt, sind aber ursprünglich zwei getrennte Modelle mit unterschiedlichem Schwerpunkt.
Wird das Sieben-Schichten-Modell in Zukunft überprüft werden können?
Sollte sich ein reproduzierbares Messverfahren für ein solches Feld finden lassen, wäre eine Überprüfung denkbar. Nach heutigem Kenntnisstand liegt kein Ansatz vor, der über bekannte physikalische Effekte wie die Koronaentladung hinausgeht.
Warum sprechen manche Praktizierende lieber von einem Energiefeld als von Aura Schichten?
Weil der Begriff Energiefeld allgemeiner klingt und weniger stark mit den spezifischen, historisch belasteten Namen der sieben Stufen verbunden ist. Inhaltlich ändert das nichts an der fehlenden physikalischen Grundlage.
Eine alte Wortwurzel, eine junge Systematik und eine physikalisch erklärte Fotografie dazwischen: Wer die Geschichte kennt, kann mit dem Bild arbeiten, ohne ihm eine Herkunft anzudichten, die es nicht hat.




