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Die Farbtabellen für Ritualkerzen sind jünger als behauptet

Mehrere Stabkerzen in verschiedenen Farben nebeneinander auf einer schlichten Holzfläche

Drei Ratgeber liegen nebeneinander aufgeschlagen, alle drei bei der Farbtabelle. Für dieselbe Absicht steht im ersten Grün, im zweiten Orange, im dritten Gold. Keiner der drei nennt eine Quelle, und alle drei schreiben von einer alten Zuordnung.

Das ist der Ausgangspunkt dieses Textes. Nicht die Frage, welche Farbe die richtige ist, sondern die Frage, seit wann es diese Tabellen überhaupt gibt und woher ihre Zeilen stammen.

Die Antwort fällt kürzer aus, als der Ton der Ratgeber vermuten lässt. Zwei Zuordnungen sind tatsächlich alt und gehören nicht in die Ritualpraxis, und die Tafeln, die dort stehen, sind jünger als der elektrische Strom.

  • Älteste geregelte Farbreihe: die liturgische, seit dem späten zwölften Jahrhundert beschrieben
  • Zweite alte Reihe: Planeten- und Wochentagsfarben aus der Renaissanceliteratur
  • Die heutigen Absichtstabellen: zwanzigstes Jahrhundert, ohne durchgehende Quelle
  • Technische Voraussetzung: farbechte Massenkerzen gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert
  • Was ohne Tabelle geht: eine weiße Kerze und eine notierte eigene Zuordnung
  • Was in jedem Fall gilt: feuerfeste Unterlage, Sichtweite, kein Zug
  • Aufwand für die eigene Reihe: ein Zyklus mit vier Einträgen

Drei Bücher, drei Farben für dieselbe Absicht

Wer die Tabellen mehrerer Ratgeber nebeneinanderlegt, findet Übereinstimmung nur an wenigen Stellen. Rot steht fast überall bei Kraft und Zuneigung, Schwarz fast überall beim Beenden, und danach gehen die Zeilen auseinander.

Besonders uneinheitlich sind die mittleren Farben. Grün, Blau, Gelb und Orange bekommen je nach Buch andere Zuständigkeiten, und in manchen Tafeln taucht dieselbe Farbe in drei Zeilen auf.

Das ist noch kein Argument gegen die Praxis. Es ist ein Argument gegen den Satz, die Zuordnung sei überliefert, denn eine Überlieferung, die sich innerhalb weniger Jahrzehnte so weit auseinanderentwickelt, ist keine.

Die Abweichungen sind auch nicht regional erklärbar. Die drei Bücher stammen aus demselben Sprachraum und aus demselben Jahrzehnt, und keines von ihnen verweist auf ein älteres Werk, in dem die eigene Zeile stünde.

Was eine Farbtabelle behauptet

Eine solche Tabelle stellt eine Verbindung her zwischen einer Farbe und einem Anliegen. Sie behauptet damit zweierlei: dass die Farbe einer Kerze für den Verlauf eines Rituals eine Rolle spielt, und dass diese Rolle festgelegt ist.

Der erste Teil ist eine Frage der Praxis und wird hier nicht entschieden. Der zweite Teil ist eine Frage der Überlieferung, und den kann man nachschlagen.

Genau das lohnt sich, bevor jemand eine Farbe kauft, weil ein Buch sie vorschreibt. Wo eine Zuordnung aus dem letzten Jahrhundert stammt, spricht nichts dagegen, sie zu verwenden, aber sie trägt dann keine Autorität, die über den Autor hinausgeht.

Woher die Zuordnung der Kerzenfarben stammt

Die heutigen Tafeln setzen sich aus mindestens drei Strängen zusammen. Der erste ist die kirchliche Farbordnung, der zweite die Planetenzuordnung aus der Renaissanceliteratur, der dritte die Farbreihe, die im zwanzigsten Jahrhundert den Energiezentren zugeordnet wurde.

Keiner dieser Stränge kommt aus der Ritualpraxis mit Kerzen, und keiner nennt Kerzen als Gegenstand. Sie ordnen Farben Zeiten, Planeten oder Körperstellen zu, und erst spätere Bücher haben daraus eine Einkaufsliste gemacht.

Der Weg von dort zur heutigen Tabelle ist an keiner Stelle dokumentiert. Was sich zeigen lässt, ist der Bestand der drei Quellen; was fehlt, ist der Beleg für den Schritt dazwischen. Wie sich Herkunft und Behauptung bei Bräuchen trennen lassen, zeigt auch der Text über Vollmondrituale, Ursprung und Praxis.

Die liturgischen Farben sind die ältere Reihe

Brennende Altarkerzen in hohen Leuchtern vor einer schlichten Wand aus Stein
Jan-Erik Løken / BY-SA 4.0

Die kirchliche Farbordnung ist die einzige der drei, die sich datieren lässt. Eine Zuordnung von Farben zu Festzeiten wird im späten zwölften Jahrhundert beschrieben, und im sechzehnten Jahrhundert wurde sie für den römischen Ritus verbindlich geregelt.

Sie kennt wenige Farben: Weiß für Feste, Rot für bestimmte Gedenktage, Grün für die Zeit dazwischen, Violett für Buß- und Vorbereitungszeiten, dazu Schwarz und in Ausnahmen Rosa. Die liturgischen Farben ordnen also Zeiten zu, keine Anliegen.

Der Unterschied ist wesentlich. In dieser Reihe sagt die Farbe, wo im Jahr man sich befindet. In den Ritualtafeln sagt sie, was man erreichen möchte, und das ist eine andere Art von Zuordnung mit einer anderen Logik.

Die Planetenfarben und ihre Wochentage

Der zweite alte Strang stammt aus der gelehrten Literatur der Renaissance. Dort sind den sieben klassischen Planeten Metalle, Pflanzen, Zahlen und auch Farben zugeordnet, und über die Namen der Wochentage hängen diese Farben an bestimmten Tagen.

Diese Zuordnung ist in sich schlüssig, weil sie aus einem größeren System stammt. Die Wochentagsnamen tragen in vielen europäischen Sprachen bis heute die Planetennamen, und die Verbindung ist damit sprachlich nachvollziehbar.

Auch hier gilt aber: Von Kerzen ist nicht die Rede. Die Farben gehören zu Planeten, und dass man eine Kerze in dieser Farbe anzündet, ist eine spätere Anwendung eines älteren Schemas.

Hinzu kommt, dass die Farbangaben in diesen Werken selten allein stehen. Sie gehören zu einer langen Liste von Entsprechungen, in der Metalle, Pflanzen, Steine und Zahlen dieselbe Stelle einnehmen, und aus dieser Liste ist die Farbspalte später herausgelöst worden.

Das erste System: Farbe nach Planet und Tag

Tag Planet überlieferte Farbe zugeordneter Bereich
Montag Mond Weiß, Silber Gefühl, Gewohnheit
Dienstag Mars Rot Antrieb, Auseinandersetzung
Mittwoch Merkur gemischte Töne Austausch, Schrift
Donnerstag Jupiter Blau, Purpur Maß, Urteil
Freitag Venus Grün Zuneigung, Ausgleich
Samstag Saturn Schwarz, dunkles Braun Grenze, Abschluss
Sonntag Sonne Gold, Gelb Mitte, Sichtbarkeit

Die Zuordnungen schwanken auch hier von Autor zu Autor, besonders bei Merkur, dem regelmäßig eine Mischung statt einer Farbe zugewiesen wird. Die Grundstruktur ist aber stabil, weil sie an den Planeten hängt und nicht an einer Absicht.

Wer mit dieser Reihe arbeitet, hat einen praktischen Vorteil: Sie ist mit dem Kalender verbunden und muss nicht bei jedem Ritual neu entschieden werden. Der Tag gibt die Farbe vor.

Das zweite System: Farbe nach Absicht

Die verbreiteteren Tafeln gehen von der Absicht aus. Sie führen eine Spalte mit Anliegen und eine mit Farben: Schutz, Klarheit, Beziehung, Geld, Abschied, jeweils mit einer zugewiesenen Farbe.

Diese Bauart ist die jüngere. Sie taucht in Ratgebern des zwanzigsten Jahrhunderts auf, verbreitete sich mit der Ritualliteratur der letzten Jahrzehnte und ist heute in Läden und Onlineshops die maßgebliche Ordnung.

Ihr Vorteil ist die Zugänglichkeit: Man sucht sein Anliegen und liest die Farbe ab. Ihr Nachteil ist, dass genau diese Bequemlichkeit die Uneinheitlichkeit erzeugt, denn Anliegen lassen sich beliebig fein aufteilen, Farben nicht.

Man sieht das an der Länge der Tafeln. Frühe Ausgaben führen sechs oder sieben Zeilen, spätere zwanzig und mehr, und die neuen Zeilen entstehen durch Aufspalten: Aus Geld wird Geld, Beruf und Verhandlung, und jede Teilfrage bekommt eine eigene Farbe zugewiesen.

Beide Systeme über dieselbe Frage gelegt

Ein Beispiel zeigt den Unterschied am schnellsten. Jemand möchte eine schwierige Unterhaltung vorbereiten und sucht eine Farbe dafür.

Nach dem ersten System richtet sich die Wahl nach dem Tag: Findet das Gespräch an einem Mittwoch statt, gehört die Merkurzuordnung dazu, an einem Dienstag die des Mars, und die Kerze folgt dem Termin.

Nach dem zweiten System richtet sich die Wahl nach dem Anliegen: Kommunikation, dazu je nach Buch Gelb, Blau oder Hellblau. Die Farbe hängt am Nachschlagewerk und nicht am Datum, und deshalb fallen die Ergebnisse verschieden aus.

Wo die Widersprüche liegen

Der auffälligste Widerspruch betrifft Grün. In der Planetenreihe gehört es zur Venus und damit zu Zuneigung und Ausgleich. In vielen Absichtstafeln steht es beim Geld, in der liturgischen Reihe bei der Zeit zwischen den Festen.

Ähnlich geht es Blau. Einmal ist es die Farbe des Jupiter und damit die des Maßes, einmal steht es bei Ruhe, einmal bei der Kehlgegend in der Zuordnung der Energiezentren.

Wer alle drei Reihen gleichzeitig verwendet, hat für jede Farbe drei Zuständigkeiten. Das ist kein System mehr, sondern eine Sammlung, und sie liefert für jede Wahl eine nachträgliche Begründung.

Die gefärbte Kerze ist ein junges Massenprodukt

Ein technisches Argument wiegt schwerer als alle Tabellenvergleiche. Durchgefärbte, farbechte und billige Kerzen setzen zwei Erfindungen voraus: einen geeigneten Rohstoff und haltbare Farbstoffe. Beides gibt es erst seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

Davor bestanden Kerzen aus Talg oder Bienenwachs. Talg war grau bis gelblich, Wachs gelblich bis gebleicht weiß, und beide waren teuer genug, dass niemand sechs Farben vorrätig hielt.

Eine alte Praxis, die eine Auswahl aus sieben Farbtönen voraussetzt, kann es unter diesen Bedingungen nicht gegeben haben. Wo eine Farbe im Brauch tatsächlich vorkommt, ist es meist Weiß oder das ungefärbte Gelb des Wachses.

Farbige Kerzen für den Hausgebrauch wurden erst mit den synthetischen Farbstoffen und dem Paraffin bezahlbar, also in derselben Zeit, in der auch die Kerzenfabrik entstand. Vorher färbte man allenfalls Altarkerzen, und auch das eher selten.

Was an den Tabellen tatsächlich alt ist

Alt ist die Verbindung von Farbe und Bedeutung als solche. Sie findet sich in der Liturgie, in der Heraldik, in Trauer- und Festbräuchen und in der Planetenlehre, und sie ist in Europa breit belegt.

Alt ist außerdem die Kerze als Ritualgegenstand. Licht anzuzünden, ein Licht brennen zu lassen und es zu einem bestimmten Zeitpunkt zu löschen, gehört zu vielen Bräuchen und ist gut dokumentiert.

Alt sind schließlich einzelne feste Verbindungen, etwa die weiße Kerze bei Taufe und Trauer oder die Kerze am Grab. Sie stehen aber in einem bestimmten Zusammenhang und lassen sich nicht in eine Spalte mit Anliegen übersetzen.

Jung ist allein die Kombination aus beidem in Tabellenform. Sie ist eine Erfindung der Ratgeberliteratur, und das macht sie nicht unbrauchbar, sondern erklärt nur, warum keine zwei Tabellen übereinstimmen.

Ohne Tabelle auskommen: die weiße Kerze

Einzelne weiße Kerze in einem festen Halter auf einem leeren Tisch, ruhige Flamme
Choihpmyouk 688 / BY-SA 4.0

In mehreren Traditionen gilt Weiß als Ersatz für jede andere Farbe. Diese Regel steht in den Ratgebern meist in einer Fußnote, und sie ist der praktischste Satz auf der ganzen Seite.

Wer sie ernst nimmt, braucht keine Vorratsschachtel. Eine weiße Kerze, ein fester Halter, ein notierter Satz zum Anlass: Damit ist die Ausstattung vollständig, und die Bedeutung entsteht durch die Wiederholung und nicht durch das Wachs.

Der Rest ist eine Frage des eigenen Bezugs. Wer eine Farbe verwendet, weil sie für ihn selbst mit einem Anliegen verbunden ist, hat eine tragfähigere Begründung als jede abgeschriebene Zeile. Was ein Ritualplatz sonst noch braucht, steht im Text über den Umgang mit dem Ritualtagebuch.

Kerzenfarben Ritual für Ritual notieren

  1. Vor dem Anzünden Datum, Mondphase, Anlass und gewählte Farbe in einer Zeile notieren.
  2. Die Begründung für die Farbe dazuschreiben, in höchstens fünf Wörtern, mit Quelle oder ohne.
  3. Nach dem Löschen eine Zeile ergänzen: Wie lange gebrannt, was war anders als sonst.
  4. Nach vier Einträgen die Zeilen nebeneinanderlegen und nach Wiederholungen suchen.
  5. Farben, die mehrfach ohne Wirkung auf die eigene Aufmerksamkeit blieben, streichen.
  6. Aus dem Rest eine eigene, kurze Reihe machen: drei bis vier Farben genügen.

Nach einem halben Jahr steht dort eine Zuordnung, die zur eigenen Praxis passt und die man begründen kann. Das ist mehr, als jede gedruckte Tabelle bietet, und es kostet pro Ritual zwei Minuten.

Der wichtigste Teil ist der vierte Schritt. Ohne Vergleich bleibt es bei einer Sammlung von Einträgen, und die Frage, ob die Farbe überhaupt einen Unterschied macht, lässt sich dann nicht beantworten.

Wachs, Halter und offene Flamme

Unabhängig von der Farbe gelten für jede Kerze dieselben Bedingungen. Ein Halter aus nicht brennbarem Material mit festem Stand, ein Abstand von mindestens einer Handbreit zu allem, was Feuer fangen kann, und keine Kerze in Zugluft.

Eine brennende Kerze bleibt in Sichtweite. Wer den Raum verlässt, löscht sie, und wer im Sitzen einschläft, sollte von vornherein mit kurzen Zeiten arbeiten und nicht mit Kerzen, die stundenlang brennen sollen.

Dazu zwei praktische Punkte: Gefärbtes Wachs rußt bei schlechter Verarbeitung stärker, und Teelichter in Metallhülsen können bei mehreren nebeneinander heiß genug werden, um die Unterlage zu beschädigen. Eine feuerfeste Fläche darunter löst beides.

Was eine Farbe nicht bewirkt

Eine Kerze ist ein Gegenstand aus Wachs mit einem Docht. Ihre Farbe verändert nichts an einer Lage, an einer Entscheidung oder an einem gesundheitlichen Verlauf, und sie ersetzt keine Behandlung und keine Beratung.

Rituale sind eine kulturelle Praxis mit langer Geschichte. Sie ordnen Zeit, markieren Übergänge und richten Aufmerksamkeit; sie stellen nichts fest und bewirken nichts außerhalb dessen, was die Beteiligten selbst tun. Bei Fragen zu Gesundheit, Recht und Geld sind die zuständigen Fachleute die richtige Adresse.

Was bleibt, ist eine Wahl, die man selbst getroffen hat, und die Möglichkeit, sie aufzuschreiben. Wie ein Zyklus dafür den Rahmen liefert, steht im Text über Neumondrituale nach astrologischer Tradition.

Häufige Fragen

Muss ich die Farbe wechseln, wenn mein Anliegen wechselt?

Nur wenn die eigene Zuordnung das vorsieht. Wer mit Weiß arbeitet, braucht keinen Wechsel, und wer mit der Wochentagsreihe arbeitet, richtet sich nach dem Datum statt nach dem Anliegen.

Sind die Farbtafeln in den Läden falsch?

Falsch ist der falsche Ausdruck. Sie sind jung und uneinheitlich, und sie berufen sich auf eine Überlieferung, die es in dieser Form nicht gibt. Als Vorschlag lassen sie sich verwenden, als Beleg nicht.

Was mache ich mit Kerzenresten?

Aufheben und weiterverwenden oder entsorgen. Eine überlieferte Vorschrift dazu gibt es nicht; die Regeln, die in Ratgebern stehen, stammen aus derselben jungen Literatur wie die Farbtabellen.

Spielt die Form der Kerze eine Rolle?

In den Tabellen manchmal, in den älteren Quellen nicht. Praktisch zählt vor allem der Stand: Eine Kerze, die kippen kann, ist unabhängig von jeder Zuordnung die falsche Wahl.

Kann ich zwei Farben kombinieren?

Nichts spricht dagegen, solange die Begründung notiert wird. Wer Kerzenfarben Ritual für Ritual mitschreibt, sieht nach einigen Monaten selbst, ob die Kombination etwas beigetragen hat oder nur den Aufbau verlängert.

Die Tafeln sind jünger als die Glühbirne, und die Praxis, ein Licht zu einem bestimmten Anlass anzuzünden, ist um Jahrhunderte älter. Wer beides auseinanderhält, kann die eine benutzen, ohne der anderen ein Alter anzudichten, das sie nicht hat.

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