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Bei Lenormand trägt das Kartenpaar die Aussage, nicht das Einzelbild

Kleine Karten mit einfachen Motiven, in Reihen auf einem dunklen Tuch ausgelegt

Auf einer Karte steht ein Baum. Auf der nächsten ein Sarg. Einzeln gelesen ergibt das zwei Stichworte, die kaum weiterhelfen: Dauer und Ende. Nebeneinander gelesen ergibt es einen Satz, und dieser Satz ist die eigentliche Auskunft.

Genau darin unterscheidet sich dieses Blatt vom Tarot. Die sechsunddreißig Bilder sind schlicht, sie tragen wenig Symbolik, und die Deutung entsteht nicht in der einzelnen Karte, sondern in der Verbindung zweier Karten.

Dieser Text bringt die Grundbedeutungen der wichtigsten Karten, zeigt, wie ein Paar gebildet und in welcher Reihenfolge es gelesen wird, erklärt die Regel über den Abstand zur Personenkarte und führt durch eine erste Neunerlegung.

  • Kartenzahl: sechsunddreißig, durchnummeriert
  • Herkunft: ein Gesellschaftsspiel des späten 18. Jahrhunderts
  • Grundeinheit: das Paar, nicht die Einzelkarte
  • Leserichtung: die erste Karte bestimmt näher, die zweite trägt die Sache
  • Umkehrungen: in diesem System unüblich
  • Erste Legung: neun Karten in drei Reihen, mit einer Mitte
  • Aufwand für den Einstieg: zwei Wochen mit täglich zwei Karten

Sechsunddreißig kleine Bilder, die einzeln fast nichts sagen

Neun Karten in drei Reihen nebeneinander auf einer hellen Tischplatte gelegt

Die Motive sind Alltagsgegenstände, Tiere und Pflanzen: ein Reiter, ein Schiff, ein Haus, ein Baum, ein Hund, ein Turm, ein Schlüssel, ein Anker. Sie sind so gezeichnet, dass man sie in einer Sekunde erkennt.

Diese Schlichtheit ist Absicht und kein Mangel. Wo im Tarot eine Karte eine ganze Szene mit mehreren Figuren zeigt, steht hier ein Gegenstand vor neutralem Hintergrund, und mehr wird nicht angeboten.

Für das Lernen ist das ein Vorteil. Ein Blatt mit sechsunddreißig eindeutigen Motiven lässt sich in wenigen Abenden überblicken, und es gibt keine Zahlenebene, keine Farben und keine Hofkarten, die zusätzlich eingeordnet werden müssten.

Der Preis dieser Schlichtheit ist die Abhängigkeit von der Nachbarschaft. Ein Schlüssel allein sagt nichts; ein Schlüssel neben einem Brief sagt etwas anderes als ein Schlüssel neben einem Sarg.

Woher das Blatt stammt

Altes Gesellschaftsspiel mit nummerierten Feldern und gedruckten Bildern auf Karton
Alhassan Mohammed Awal / CC BY-SA 4.0

Das Blatt geht auf ein Gesellschaftsspiel des späten achtzehnten Jahrhunderts zurück, bei dem Figuren über ein Feld aus sechsunddreißig Bildern gezogen wurden. Es war ein Würfelspiel und kein Wahrsageblatt.

Der Name, unter dem die Karten heute laufen, gehört einer Pariser Kartenlegerin des frühen neunzehnten Jahrhunderts, die zu ihrer Zeit bekannt war. Blätter mit ihrem Namen erschienen erst nach ihrem Tod, und mit diesem Spiel hatte sie nichts zu tun.

Die Namensgebung war also eine Vermarktung. Wer nachsehen möchte, wer die Person war, findet den Überblick zu Marie Anne Lenormand; die Karten selbst sind älter als ihre Bekanntheit und jünger als ihr Tod.

Lenormand lesen lernen heißt Paare lesen

Der Einstieg unterscheidet sich vom Tarot in einem Punkt grundlegend. Dort lernt man erst die Karten und danach ihr Zusammenspiel; hier lernt man von Anfang an in Zweiergruppen.

Der Grund liegt in der Bauart der Karten. Eine Bedeutung wie Beständigkeit oder Nachricht ist kein vollständiger Gedanke, sondern ein Baustein, und erst zwei Bausteine ergeben eine Aussage.

Der Unterschied zeigt sich schon beim ersten Versuch. Eine einzelne Karte zu ziehen und daraus etwas machen zu wollen, endet in diesem System fast immer in einer Verlegenheit; zwei Karten ergeben dagegen sofort einen Ausdruck, mit dem sich arbeiten lässt.

Praktisch heißt das: Wer täglich zwei Karten zieht statt einer, lernt dieses System schneller als jemand, der sechsunddreißig Einzelbedeutungen auswendig lernt. Die Einzelbedeutungen kommen dabei mit.

Die Grundbedeutungen der wichtigsten Karten

Karte Grundbedeutung Karte Grundbedeutung
Reiter Nachricht, Ankunft Schlange Umweg, Verwicklung
Klee kurzes Glück, Kleinigkeit Sarg Ende, Abschluss
Schiff Weg, Ferne Blumen Angebot, Freundlichkeit
Haus Beständigkeit, Zuhause Sense plötzlicher Schnitt
Baum Dauer, Gesundheit Rute Wiederholung, Streit
Wolken Unklarheit Vögel Gespräch, Unruhe
Berg Hindernis, Stillstand Kind Anfang, etwas Kleines
Weg Wahl, Trennung Fuchs Vorsicht, Arbeit
Anker Halt, Dauerhaftes Schlüssel Gewissheit, Zugang

Die Tabelle enthält die Hälfte des Blattes. Sie genügt für den Anfang, weil sich mit diesen achtzehn Karten schon sehr viele Paare bilden lassen und die übrigen nach demselben Muster gebaut sind.

Auffällig ist die Kürze der Angaben. Ein bis zwei Wörter je Karte sind in diesem System nicht zu wenig, sondern die richtige Menge, weil die Genauigkeit erst durch die Kombination entsteht.

Wie ein Paar gebildet wird

Ein Paar besteht aus zwei nebeneinanderliegenden Karten. In einer Reihe von fünf Karten ergibt das vier Paare, die sich überlappen, und jedes davon wird für sich gelesen.

Die verbreitetste Regel lautet: Die zweite Karte nennt die Sache, die erste bestimmt sie näher. Aus Baum und Sarg wird damit ein Ende, das dauerhaft ist; aus Sarg und Baum eine Dauer, die zu Ende geht.

Diese Reihenfolge ist eine Konvention. Es gibt Schulen, die beide Richtungen lesen und daraus zwei Sätze bilden, und beide Vorgehensweisen sind vertretbar, solange man sich für eine entscheidet und dabei bleibt.

Erste Karte, zweite Karte: welche die Aussage trägt

Ein Vergleich mit der Sprache hilft beim Einprägen. Die zweite Karte verhält sich wie ein Hauptwort, die erste wie ein Eigenschaftswort davor, und zusammen ergeben sie einen kurzen Ausdruck.

Aus Brief und Haus wird ein schriftliches Zuhause, also etwa ein Mietvertrag oder eine Anmeldung. Aus Haus und Brief wird eine häusliche Nachricht, also Post, die den Haushalt betrifft.

Der Unterschied wirkt klein und ist in der Praxis erheblich. Wer die Reihenfolge vertauscht, bekommt regelmäßig eine Aussage über einen anderen Gegenstand, und daran scheitern die meisten ersten Legungen.

Dasselbe Paar in umgekehrter Reihenfolge

Drei Beispiele machen das Prinzip greifbar. Schiff und Herz ergeben eine Zuneigung in der Ferne oder eine Zuneigung, die unterwegs ist. Herz und Schiff ergeben eine Reise, die aus Zuneigung unternommen wird.

Fuchs und Weg ergeben eine Wahl, bei der Vorsicht angebracht ist. Weg und Fuchs ergeben eine berufliche Aufgabe, bei der eine Wahl ansteht.

Wolken und Schlüssel ergeben eine Gewissheit, die noch unklar ist. Schlüssel und Wolken ergeben eine Unklarheit, die sich klären lässt. Beide Sätze sind nicht dasselbe, und beide stammen aus denselben zwei Bildern.

Vier Paare, durchgesprochen

  1. Baum und Rute: eine Dauer, die sich wiederholt, oder ein anhaltender Streit.
  2. Reiter und Berg: eine Nachricht, die aufgehalten wird.
  3. Klee und Anker: ein kleiner Vorteil, der bleibt.
  4. Vögel und Haus: Gespräche, die den Haushalt betreffen.

Bei jedem dieser Paare lohnt es sich, die zweite Lesart daneben zu schreiben. Berg und Reiter ist nicht dasselbe wie Reiter und Berg, und wer beide Fassungen notiert, prägt sich die Regel schneller ein als über jede Erklärung.

Die Sätze bleiben dabei bewusst kurz. Ein Paar ergibt einen halben Satz, keine Geschichte, und die Geschichte entsteht erst, wenn mehrere Paare hintereinander gelesen werden.

Die Distanzregel

In größeren Legungen kommt eine zweite Regel dazu, die es im Tarot so nicht gibt. Der Abstand einer Karte zur Personenkarte wird als Angabe über Nähe gelesen: Was dicht daneben liegt, gilt als näher, was weit entfernt liegt, als ferner.

Gemeint ist dabei sowohl zeitliche als auch sachliche Nähe. Eine Karte unmittelbar neben der Personenkarte betrifft die Lage unmittelbar, eine Karte am anderen Ende des Blattes eher am Rande.

In der Praxis wird der Abstand meist in Kartenlängen gezählt, waagerecht wie senkrecht. Manche Schulen zählen auch diagonal, andere lassen die Diagonalen ganz weg, und die Ergebnisse unterscheiden sich entsprechend.

Die Regel klingt einfacher, als sie ist. Sie setzt voraus, dass die Personenkarte überhaupt im Blatt liegt, und sie verlangt eine feste Zählweise, die vor dem Legen festgelegt und nicht während der Deutung angepasst wird.

Die Personenkarten als Bezugspunkt

Zwei Karten des Blattes stellen Personen dar, eine männliche und eine weibliche Figur. Sie stehen in einer Legung für die fragende Person oder für jemanden, über den gesprochen wird.

Die Blickrichtung dieser Figur spielt in vielen Schulen eine Rolle: Was vor ihr liegt, gilt als das, worauf sie zugeht, was hinter ihr liegt, als das, was hinter ihr liegt. Bei Blättern, deren Figuren in eine andere Richtung sehen, kehrt sich diese Zuordnung um.

Manche Praktizierende arbeiten ganz ohne Personenkarte und lesen stattdessen von der ersten Karte der Legung aus. Auch das ist eine gangbare Entscheidung, solange sie vor dem Mischen getroffen wird und nicht nachträglich.

Wer mit einer Personenkarte arbeitet, legt vorher fest, welche gemeint ist, und ändert das nicht mitten in einer Sitzung. Das klingt selbstverständlich und wird regelmäßig übergangen.

Eine erste Neunerlegung

  1. Das Blatt mischen und neun Karten verdeckt in drei Reihen zu je drei legen.
  2. Alle neun aufdecken und zuerst nur ansehen, ohne zu deuten.
  3. Die mittlere Karte bestimmen: Sie gilt als der Kern der Frage.
  4. Die drei waagerechten Reihen jeweils als Paare lesen, von links nach rechts.
  5. Danach die drei senkrechten Spalten auf dieselbe Weise lesen.
  6. Die beiden Diagonalen durch die Mitte ergänzen, wenn sie etwas beitragen.
  7. Zum Schluss die vier Ecken ansehen: Sie gelten in vielen Schulen als Rahmen der Lage.
  8. Aus allem drei Sätze bilden und aufschreiben, mehr nicht.

Der achte Schritt ist die eigentliche Arbeit. Neun Karten ergeben ein Dutzend Paare, und ohne die Beschränkung auf drei Sätze entsteht eine Sammlung von Hinweisen, aus der sich alles und nichts folgern lässt.

Für den Anfang genügt es, bei den waagerechten Reihen zu bleiben und die Spalten wegzulassen. Wer mit größeren Legungen arbeiten möchte, findet ein anderes Beispiel in der Anleitung zur keltischen Kreuzlegung, die allerdings nach einem anderen Prinzip gebaut ist.

Reihen, Spalten und die Karte in der Mitte

Neun Karten sind für den Einstieg aus einem einfachen Grund gut geeignet. Sie liefern genug Paare, um das Prinzip zu üben, und sie sind noch überschaubar genug, dass sich das Ergebnis in wenigen Zeilen festhalten lässt.

Die Mitte einer Neunerlegung bekommt in fast allen Schulen ein besonderes Gewicht. Sie steht für den Kern der Frage, und alle übrigen Karten werden auf sie bezogen.

Die waagerechten Reihen werden meist als Verlauf gelesen, die senkrechten als Zusammenhang. Diese Zuordnung ist eine Konvention, und andere Schulen legen sie anders fest.

Ein praktischer Hinweis für den Einstieg: Wer eine Legung nicht in drei Sätze bekommt, hat entweder zu viele Karten gelegt oder die Frage zu weit gefasst. Beides lässt sich beim nächsten Mal beheben.

Was Lenormand vom Tarot unterscheidet

Der auffälligste Unterschied ist die Zahl: sechsunddreißig gegenüber achtundsiebzig Karten. Der zweite ist die Bildsprache, die im Tarot ausgearbeitet ist und hier schlicht bleibt.

Der dritte betrifft die Umkehrungen. Im Tarot gibt es dazu mehrere Schulen; hier arbeiten die meisten Praktizierenden gar nicht mit umgekehrten Karten, weil die Aussage ohnehin aus der Verbindung entsteht.

Der vierte ist der Ton. Die Beschreibungen sind in diesem System nüchterner und näher am Alltag, ohne die Schichten aus Symbolik, die im Tarot mitlaufen. Wo die Grenze zwischen den Systemen verläuft, behandelt der Text über den Unterschied zwischen Orakelkarten und Tarot.

Drei Fehler am Anfang

Der erste ist das Übertragen von Tarotbedeutungen. Ein Stern bedeutet hier nicht dasselbe wie im Tarot, ein Mond ebenso wenig, und wer die Systeme mischt, bekommt Sätze, die in keinem von beiden stimmen.

Der zweite ist das Lesen ohne Reihenfolge. Wer zwei Karten sieht und daraus frei einen Sinn bildet, benutzt die Karten als Anregung, nicht als System, und kann das Ergebnis hinterher nicht nachvollziehen.

Ein häufiger Nebenfehler ist die Suche nach einer Antwort in der Einzelkarte. Wer eine Legung mit den Worten beginnt, hier liege der Sarg, hat den Aufbau des Systems bereits verlassen, bevor das erste Paar überhaupt gebildet wurde.

Der dritte ist die zu große Legung. Ein Blatt aus sechsunddreißig Karten wird in einer bekannten Form vollständig ausgelegt, und diese Form ist für den Einstieg ungeeignet. Neun Karten sind für die ersten Monate genug. Wie eine brauchbare Frage aussieht, gilt hier wie beim Tarot und steht im Text über die Arbeit mit dem Tagestarot.

Was eine Legung nicht beantwortet

Karten sind ein symbolisches Werkzeug und Material für Unterhaltung und persönliche Reflexion. Sie stellen nichts fest, sagen nichts voraus und wissen nichts über abwesende Personen.

Für medizinische, rechtliche und finanzielle Fragen gibt es zuständige Berufe, und erfahrene Legerinnen lehnen solche Fragen ab, statt eine Auskunft zu geben, die sie nicht verantworten können. Das gilt in diesem System besonders, weil einzelne Karten harte Stichworte tragen, die sich leicht als Aussage über Gesundheit lesen lassen.

Was bleibt, ist ein kleines, klar gebautes System, das sich in wenigen Wochen erlernen lässt. Wer die Grundlagen des Kartenlegens sucht, findet sie im Einstiegstext zu den Karten und ihren Bedeutungen, auch wenn er ein anderes Blatt behandelt.

Häufige Fragen

Brauche ich für den Einstieg ein bestimmtes Blatt?

Nein, aber es sollte bei einem bleiben. Die Motive sind über die Ausgaben hinweg gleich, die Gestaltung unterscheidet sich, und ein Wechsel während der ersten Monate erschwert das Einprägen.

Gibt es umgekehrte Karten?

In diesem System üblicherweise nicht. Die Aussage entsteht aus der Verbindung zweier Karten, und eine zusätzliche Ebene aus Umkehrungen ist dafür nicht vorgesehen.

Wie viele Karten soll ich am Anfang legen?

Zwei. Täglich zwei Karten, in fester Reihenfolge gelesen und in einem Satz notiert, sind der schnellste Weg in dieses Blatt. Neun Karten kommen dazu, wenn die Paare sitzen.

Muss ich alle sechsunddreißig Bedeutungen auswendig können?

Beim Lenormand lesen lernen ergibt sich das nebenbei. Wer über Paare arbeitet, wiederholt jede Karte in wechselnden Verbindungen und behält sie dadurch, ohne eine Liste zu pauken.

Wofür ist die Distanzregel gut?

Sie ordnet in größeren Legungen, was näher und was ferner liegt. In einer Neunerlegung spielt sie kaum eine Rolle; sie gehört zu den großen Auslagen und lohnt sich erst dort.

Ein Baum neben einem Sarg ist kein Unglück, sondern ein halber Satz. Wer die Reihenfolge beachtet und drei Sätze pro Legung nicht überschreitet, hat nach zwei Wochen mehr in der Hand als jemand, der sechsunddreißig Stichworte auswendig kann.

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