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Chakren sind Knotenpunkte, keine Einzelobjekte

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Auf den Tafeln in Kursräumen stehen sieben Scheiben übereinander, jede für sich, jede in einer eigenen Farbe. Die Darstellung legt nahe, es handle sich um sieben Gegenstände, die man einzeln behandeln kann.

In den Quellentexten steht etwas anderes. Dort ist von einem Netz aus Bahnen die Rede, das den ganzen Körper durchzieht, und die Zentren sind die Stellen, an denen mehrere dieser Bahnen zusammenlaufen. Ein Knotenpunkt ist kein Gegenstand.

Dieser Unterschied hat Folgen für die Praxis. Wer mit Atemübungen arbeitet, arbeitet in diesem Modell an den Bahnen und nicht an den Scheiben, und die klassischen Techniken sind entsprechend gebaut.

  • Nadi: Bahn, Kanal, Röhre; in den Texten kein Nerv und kein Gefäß
  • Überlieferte Zahl: zweiundsiebzigtausend, in manchen Texten mehr
  • Hauptbahnen: drei, entlang der Wirbelsäule
  • Prana: das, was in diesen Bahnen bewegt wird
  • Zentren: Kreuzungspunkte, keine Einzelobjekte
  • Knoten: drei besonders benannte Stellen auf der Mittelbahn
  • Übung: Wechselatmung, ohne Anhalten, zehn Minuten

Die Tafel zeigt Scheiben, die Texte beschreiben ein Netz

Die heutige Standarddarstellung ist eine Seitenansicht mit sieben farbigen Kreisen. Sie ist übersichtlich, sie lässt sich schnell erklären, und sie lässt genau das weg, worin die Zentren in den Quellen eingebettet sind.

In den Beschreibungen sind die Zentren an eine Achse gebunden und an Bahnen, die sich um diese Achse winden. Ohne die Bahnen gäbe es keine Kreuzungspunkte, und ohne Kreuzungspunkte keine Zentren.

Für den Unterricht heißt das eine Umkehrung der Reihenfolge. Erst kommt das Kanalsystem, dann die Stellen darin, und nicht umgekehrt. Wie die einzelnen Stellen beschrieben werden, zeigt der Überblick über die sieben Chakren und ihre Verbindung zu den Planeten.

Was ein Nadi in den Quellentexten ist

Das Wort bezeichnet eine Röhre, ein Rohr, einen Kanal. Es wird in den Texten für etwas verwendet, in dem etwas fließt, und die Beschreibungen bleiben dabei bildlich.

Beschrieben werden Verläufe: von einer Stelle im Beckenraum nach oben, zu den Nasenlöchern, zu den Augen, zu den Ohren, zu den Zehen. Manche Texte geben Listen mit Namen und Zielorten an, und diese Listen weichen voneinander ab.

Was in den Texten nicht steht, ist eine anatomische Zuordnung. Es gibt keine Gleichsetzung mit Nerven, Adern oder Lymphbahnen, und die Versuche, eine solche Zuordnung nachträglich herzustellen, stammen aus dem neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.

Die Zahl zweiundsiebzigtausend

Die verbreitetste Angabe lautet zweiundsiebzigtausend. Sie taucht in mehreren Texten auf und wird bis heute weitergereicht, meist ohne Zusatz.

Andere Quellen nennen andere Zahlen, von einigen Tausend bis zu Hunderttausenden. Die Angaben widersprechen sich, und keiner der Texte erklärt, wie er zu seiner Zahl kommt.

Auffällig ist, dass die Texte trotzdem nur eine Handvoll Bahnen mit Namen führen. Genannt werden meist zehn oder vierzehn, und von diesen werden drei ausführlich beschrieben. Der Rest bleibt eine Zahl ohne Inhalt.

Am ehesten handelt es sich um eine Größenangabe im Sinne von unzählig, wie sie in dieser Literatur auch an anderen Stellen vorkommt. Wer die Zahl als Zählung nimmt, nimmt sie wörtlicher, als die Texte selbst es tun.

Wie Nadis Prana verteilen

Prana bezeichnet in diesen Texten das, was durch die Bahnen bewegt wird. Übersetzt wird es meist mit Lebenshauch oder Atem, und die Wortverwandtschaft mit dem Atmen ist im Sanskrit vorhanden.

Die Bahnen sind in diesem Modell die Verteilung, nicht die Quelle. Sie führen das, was über den Atem und über die Nahrung aufgenommen wird, an die Orte, an denen es gebraucht wird, und dieses Bild ist über die ganze Übungsliteratur hinweg stabil.

Bemerkenswert ist, wie wenig die Texte dabei erklären. Sie beschreiben, was wohin geführt wird, und lassen offen, worum es sich handelt. Diese Zurückhaltung wird in heutigen Darstellungen selten übernommen, wo Prana regelmäßig mit Energie im physikalischen Sinn gleichgesetzt wird.

Für die Praxis folgt daraus die Bedeutung des Atems. Wenn die Bahnen das Verteilende sind und der Atem das Zugeführte, dann ist eine Atemübung in diesem Modell die naheliegendste Arbeit an den Bahnen, und genau dort setzen die klassischen Techniken an.

Die drei Hauptbahnen

Dickes Seil aus mehreren verdrehten Strängen, dicht nebeneinander liegend
SecretDisc / CC BY-SA 3.0

Aus der großen Zahl heben die Texte drei hervor. Eine verläuft in der Mitte, entlang der Wirbelsäule, und zwei winden sich um sie, jeweils eine auf der linken und eine auf der rechten Seite.

Die drei tragen Namen, die in der Übungsliteratur durchgehend verwendet werden: die mittlere heißt Sushumna, die linke Ida, die rechte Pingala. In den Übertragungen werden sie mit Mondbahn und Sonnenbahn wiedergegeben, was eine spätere Zuordnung ist.

Alle drei beginnen nach den Beschreibungen an derselben Stelle im Beckenraum. Von dort steigen sie auf, und ihr Verlauf ist der eigentliche Gegenstand der Beschreibungen, nicht ihr Anfang.

Ida und Pingala winden sich um die Mitte

Die beiden seitlichen Bahnen kreuzen die mittlere mehrfach. In den meisten Darstellungen wechseln sie dabei die Seite, sodass die linke Bahn oben rechts endet und umgekehrt.

Diese Windung ist der Grund für ein bekanntes Bild: zwei Linien, die sich um einen Stab schlingen. Ähnliche Darstellungen gibt es in mehreren Kulturen, und die Ähnlichkeit mit dem europäischen Hermesstab ist mehrfach bemerkt worden, ohne dass ein Zusammenhang belegt wäre.

Zugeordnet werden den beiden Bahnen gegensätzliche Eigenschaften: kühl und warm, ruhig und aktiv, Mond und Sonne. Diese Paare sind in den Texten vorhanden und werden in der Praxis dazu verwendet, Übungen nach ihrer Wirkrichtung zu ordnen.

Sushumna und die Achse

Die mittlere Bahn ist die wichtigste des Modells. In ihr soll nach den Beschreibungen die aufsteigende Bewegung stattfinden, von der die Übungstexte handeln, und die Zentren liegen auf ihr.

Beschrieben wird sie als normalerweise verschlossen. Die Texte geben an, dass der Atem gewöhnlich durch die beiden seitlichen Bahnen läuft und die mittlere erst unter bestimmten Bedingungen benutzt wird.

Daraus ergibt sich der Aufbau fast aller klassischen Atemübungen. Sie zielen darauf, die beiden Seiten auszugleichen, damit die Mitte überhaupt in Frage kommt, und dieser Gedanke steht hinter der bekanntesten Technik dieser Reihe.

Wo die Bahnen sich kreuzen, liegt ein Zentrum

Die Zentren werden in den Texten dort angesetzt, wo die drei Hauptbahnen einander begegnen. Sie sind damit keine eigenständigen Gebilde, sondern Stellen in einem Verlauf.

Diese Bauart erklärt mehrere Eigenheiten der Beschreibungen. Sie erklärt, warum die Zentren auf einer Linie liegen, warum sie eine Reihenfolge haben und warum sie in den Übungen nacheinander vorkommen.

Der deutsche Ausdruck Rad, mit dem das Sanskritwort meist übersetzt wird, führt an dieser Stelle in die Irre. Ein Rad ist ein Ding; gemeint ist eher ein Knoten in einem Geflecht, also eine Stelle, an der mehrere Fäden zusammenlaufen.

Sie erklärt außerdem, warum ein Zentrum in diesem Modell nicht einzeln behandelt werden kann. Ein Kreuzungspunkt ohne die Wege, die sich dort kreuzen, ist nichts, und Übungen, die nur an einer Stelle ansetzen, lösen sich von dem Modell, auf das sie sich berufen.

Die drei Knoten

Auf der Mittelbahn nennen die Texte drei besonders bezeichnete Stellen. Sie heißen Knoten und werden als Punkte beschrieben, an denen die aufsteigende Bewegung aufgehalten wird.

Das Bild dahinter ist handfest: Ein Knoten in einer Schnur hält etwas auf, das sonst durchliefe. Die Texte verwenden es, um zu erklären, warum eine beschriebene Bewegung an bestimmten Stellen zum Stehen kommt.

Ihre Lage wird unterschiedlich angegeben, meist im Beckenraum, in der Herzgegend und zwischen den Augenbrauen. Jeder dieser Knoten trägt einen Namen aus dem Bereich der Gottheiten, und die Kommentare deuten sie als Stufen.

Für eine Übungspraxis sind sie vor allem als Warnhinweis lesbar. Die Texte behandeln diese Stellen als schwierig und setzen dabei eine Begleitung voraus, und dieselbe Zurückhaltung findet sich in den Anweisungen zu den oberen Zentren.

Die fünf Winde und ihre Zuordnungen

Name Ort in den Texten zugeordnete Bewegung
Prana Brustraum Aufnahme, Einatmung
Apana Unterbauch, Becken Ausscheidung, nach unten
Samana Nabelgegend Verteilung, Verdauung
Udana Kehle, Kopf Aufsteigen, Stimme
Vyana ganzer Körper Durchdringung

Diese Fünferteilung ist älter als die ausgearbeitete Zentrenlehre und stammt aus einer eigenen Traditionslinie. Sie beschreibt Richtungen von Bewegung und keine Orte, auch wenn die mittlere Spalte Orte nennt.

In der Übungsliteratur werden die ersten beiden am häufigsten genannt. Viele Techniken werden damit begründet, dass eine nach unten gerichtete und eine nach oben gerichtete Bewegung zusammengeführt werden sollen, und daran hängen die klassischen Verschlüsse.

Der Atem wechselt die Seite

Eine Beobachtung, die jeder selbst machen kann, gehört zu diesem Modell dazu: Durch die beiden Nasenlöcher strömt selten gleich viel Luft. Meist ist eine Seite freier als die andere, und das wechselt im Lauf des Tages.

Diese Beobachtung ist auch medizinisch bekannt und wird auf einen Wechsel in der Durchblutung der Nasenschleimhaut zurückgeführt. Sie ist also nicht strittig, wohl aber ihre Deutung.

Für die Wechselatmung liefert sie einen praktischen Hinweis. Wer merkt, dass eine Seite deutlich enger ist, beginnt die Übung auf der freieren Seite und drückt nicht gegen einen Widerstand an, der ohnehin von selbst wechselt.

In der Übungsliteratur gibt es eine eigene Gattung, die aus dieser Seitenverteilung Empfehlungen ableitet, bis hin zu Angaben über passende Zeitpunkte für bestimmte Tätigkeiten. Diese Ableitungen sind überliefert und nicht belegt, und sie gehören als das gekennzeichnet, was sie sind.

Was das für die Atemübungen bedeutet

Wenn die beiden Seitenbahnen als ungleich beschrieben werden und die Mitte einen Ausgleich voraussetzt, dann ist eine Übung naheliegend, die abwechselnd durch beide Nasenlöcher atmen lässt. Genau das ist die Wechselatmung.

Sie ist in den Hatha-Texten beschrieben, gehört zu den bekanntesten Techniken der Reihe und braucht keine Ausrüstung. Innerhalb der Atemlehre, die unter dem Begriff Pranayama zusammengefasst wird, ist sie die am häufigsten unterrichtete Übung. In ihrer einfachsten Form besteht sie aus dem Wechsel selbst, ohne jede Zusatzanweisung.

Die aufwendigeren Fassungen arbeiten mit Zählverhältnissen und mit angehaltenem Atem. Sie setzen in den Texten eine Lehrperson voraus, und diese Voraussetzung wird dort ausdrücklich genannt. Wie sich solche Übungen in eine Tagesstruktur einfügen, behandelt der Text über Atemarbeit und Astrologie.

Wechselatmung, sauber ausgeführt

Sitzkissen auf hellem Boden neben einem Fenster, ruhiger Raum ohne Einrichtung
  1. Aufrecht sitzen, Schultern locker, zwei Minuten ruhig atmen, ohne etwas zu verändern.
  2. Mit Daumen und Ringfinger einer Hand abwechselnd ein Nasenloch schließen, ohne zu drücken.
  3. Rechts schließen, links ausatmen, links einatmen. Dann links schließen, rechts ausatmen, rechts einatmen.
  4. Diesen Wechsel fortsetzen, ruhig und ohne Zählen, für sechs bis acht Minuten.
  5. Den Atem nicht anhalten und nicht verlängern; die Länge stellt sich von selbst ein.
  6. Zum Abschluss die Hand sinken lassen und eine Minute ohne Technik weiteratmen.

Der fünfte Punkt ist die wichtigste Einschränkung für ein Selbststudium. Angehaltener Atem gehört in dieser Reihe zu den Techniken, die begleitet werden, und ohne Anleitung bringt er keinen Vorteil, wohl aber Risiken.

Zu beenden ist die Übung immer vor dem Punkt, an dem sie anstrengend wird. Wer nach Luft ringt, atmet nicht mehr aus, sondern gegen sich selbst, und das ist das Gegenteil des beschriebenen Vorgangs. Wie sich die Aufmerksamkeit danach wieder nach unten führen lässt, steht im Text über Erdung und Energiearbeit im Alltag.

Wo Vorsicht gilt

Bei akuten Atemwegserkrankungen, bei verstopfter Nase mit Druckgefühl und nach Eingriffen im Gesichts- oder Nasenbereich wird nicht mit Nasenverschluss geübt. In diesen Fällen genügt ruhiges Atmen ohne Technik.

Bei Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Epilepsie, Schwangerschaft und Glaukom gehören Techniken mit angehaltenem Atem oder mit beschleunigter Atmung in ärztliche Absprache. Das betrifft ausdrücklich auch die Übungen, die in Kursen als harmlos vorgestellt werden.

Schwindel, Kribbeln in Händen oder Gesicht und Benommenheit sind Zeichen dafür, dass zu stark oder zu schnell geatmet wird. Die richtige Reaktion ist, aufzuhören und normal weiterzuatmen, und nicht, die Übung zu vertiefen.

Was diese Beschreibung nicht ist

Das Bahnensystem ist ein Übungsmodell aus einer bestimmten Überlieferung. Es beschreibt keine Anatomie, es benennt keine messbaren Größen, und es lässt sich nicht in eine Aussage über den Körper übersetzen, die sich unabhängig prüfen ließe.

Wer die Bahnen als Nervenbahnen liest oder Prana mit Sauerstoff gleichsetzt, ergänzt eine Behauptung, die in den Texten nicht steht. Diese Gleichsetzungen sind ein Kennzeichen der westlichen Rezeption und nicht der Quellen.

Für gesundheitliche Fragen sind ärztliche und therapeutische Fachleute zuständig. Was das Modell leisten kann, ist bescheidener und trotzdem brauchbar: Es ordnet eine Praxis und gibt ihr eine Reihenfolge. Wie eine solche Praxis mit anderen Systemen zusammengeht, verhandelt der Text über Astrologie und Energiearbeit.

Häufige Fragen

Sind Nadis dasselbe wie Nerven?

Nein. In den Quellentexten stehen Bahnen eines Übungsmodells, keine anatomischen Strukturen. Die Gleichsetzung mit Nerven stammt aus der westlichen Rezeption des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.

Muss ich die Zahl zweiundsiebzigtausend ernst nehmen?

Als Zählung nicht. Sie steht in dieser Literatur für eine unüberschaubare Menge, und andere Texte nennen andere Zahlen, ohne dass einer von ihnen eine Rechnung angibt.

Woran merke ich, welche Seite gerade offen ist?

Indem man ein Nasenloch kurz zuhält und den Unterschied im Widerstand bemerkt. Der Wechsel findet bei den meisten Menschen im Lauf einiger Stunden statt und ist ohne Übung feststellbar.

Wie lange sollte ich Wechselatmung üben?

Für ein Selbststudium acht bis zehn Minuten, täglich oder jeden zweiten Tag. Längere Einheiten und Techniken mit Atemanhalten gehören in eine begleitete Praxis.

Muss ich an die Bahnen glauben, damit die Übung etwas bringt?

Die Übung besteht aus ruhigem, gleichmäßigem Atmen im Sitzen. Was das Modell dazu erklärt, ist eine Beschreibung aus einer Überlieferung, und man kann die Praxis ausführen, ohne diese Beschreibung für einen Befund zu halten.

Sieben Scheiben auf einer Tafel sind eine Verkürzung. In den Texten steht ein Verlauf, und die Zentren sind die Stellen, an denen er sich kreuzt. Wer das im Kopf hat, versteht auch, warum die klassischen Übungen fast alle mit dem Atem beginnen.

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