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Ein früher Widder wird anders gedeutet als ein später

egyptian temple ceiling

Zwei Menschen sind beide im Widder geboren, die eine am 22. März, der andere am 18. April. In jedem Kurzhoroskop bekommen sie denselben Absatz. In der älteren Deutungsliteratur bekommen sie zwei verschiedene, und zwischen ihnen liegt fast ein ganzes Zeichen an Beschreibung.

Der Grund ist eine Unterteilung, die so alt ist wie der Tierkreis selbst: Jedes Zeichen wird in drei Abschnitte zu zehn Grad geteilt. Sechsunddreißig solcher Abschnitte ergeben den vollen Kreis, und jeder trägt einen eigenen Zuständigen.

Welcher das ist, hängt allerdings davon ab, wen man fragt. Es gibt zwei verbreitete Zuordnungssysteme, sie liefern für denselben Grad verschiedene Antworten, und sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten. Dieser Text stellt beide nebeneinander und zeigt, woher sie kommen.

  • Größe eines Abschnitts: zehn Grad, also ein Drittel eines Zeichens
  • Anzahl: sechsunddreißig im ganzen Kreis
  • Zeitlicher Umfang: die Sonne braucht dafür rund zehn Tage
  • Erstes System: die durchlaufende Planetenreihe, hellenistisch überliefert
  • Zweites System: der Herrscher des nächsten Zeichens desselben Elements
  • Ältester Beleg: ägyptische Sterngruppen, lange vor der Zeichenteilung
  • Was daraus nicht folgt: eine feinere Charakterbeschreibung mit Anspruch auf Genauigkeit

Warum zwei Menschen mit demselben Zeichen verschieden beschrieben werden

Ein Zeichen umfasst dreißig Grad. Die Sonne durchläuft sie in etwa einem Monat, und in dieser Zeit ändert sich am Himmel eine Menge, was ein einzelner Zeichenname nicht abbildet.

Die Deutungstradition hat darauf früh mit Unterteilungen reagiert. Neben der Dreiteilung kennt der Tierkreis eine Fünfteilung, eine Zwölfteilung und mehrere Verfahren, die einzelne Grade hervorheben. Die Dreiteilung ist davon die bekannteste und die einzige, die es in populäre Darstellungen geschafft hat.

Sie liefert keine neue Aussage über die Person, sondern eine Verfeinerung innerhalb einer bereits groben Kategorie. Wer das eine für unzuverlässig hält, sollte das andere nicht für genau halten.

Zehn Grad sind ein Drittel eines Zeichens

Die Rechnung ist schlicht. Grad null bis knapp zehn bilden den ersten Abschnitt, zehn bis knapp zwanzig den zweiten, zwanzig bis knapp dreißig den dritten. Danach beginnt das nächste Zeichen wieder bei null.

Weil die Sonne im Mittel gut ein Grad pro Tag zurücklegt, entspricht ein Abschnitt ungefähr zehn Kalendertagen. Die Ränder verschieben sich von Jahr zu Jahr um einen Tag, weil auch der Zeichenwechsel selbst wandert.

Aus demselben Grund lässt sich die Zuordnung nicht am Kalender ablesen. Wer wissen will, in welchem Drittel eine Position steht, braucht die Gradangabe, und die steht in jeder Horoskopgrafik neben dem Zeichenkürzel.

Ein Beispiel macht den Unterschied deutlich. Eine Sonne auf achtzehn Grad Stier liegt im mittleren Drittel, eine auf einundzwanzig Grad im letzten, und zwischen beiden Geburten liegen ungefähr drei Tage. Im Datum ist dieser Sprung nicht zu sehen, in der Grafik schon.

Wie Dekanate Sternzeichen in drei Teile gliedern

Die Teilung gilt nicht nur für die Sonne. Jeder Punkt einer Grafik liegt in einem der sechsunddreißig Abschnitte, der Mond ebenso wie der Aszendent oder eine Häuserspitze.

In der Praxis wird sie am häufigsten auf die Sonne und auf den Aszendenten angewendet. Bei den langsamen Planeten hat sie wenig Sinn, weil ganze Jahrgänge denselben Abschnitt teilen und die Angabe damit nichts unterscheidet.

Der Zuständige eines Abschnitts wird als Nebenherrscher gelesen. Er kommt zum Zeichenherrscher hinzu und ersetzt ihn nicht, und in der klassischen Würdenlehre steht er auf der schwächsten Stufe der fünf Zuständigkeiten. Welche Rolle die Hauptherrscher spielen, behandelt der Text über die Herrscherplaneten der Sternzeichen.

Die ägyptische Herkunft: sechsunddreißig Sterngruppen

Bemalter Sargdeckel aus Holz mit Schriftzeichen und einer eingeteilten Tabelle
Stephencdickson / BY-SA 4.0

Am Anfang stehen keine Abschnitte auf einem Kreis, sondern Sterne. In ägyptischen Sarginschriften des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung sind Listen von Sterngruppen überliefert, die nacheinander vor Sonnenaufgang erstmals wieder sichtbar wurden.

Jede dieser Gruppen markierte einen Abschnitt von zehn Tagen im Jahreslauf. Sechsunddreißig davon ergaben dreihundertsechzig Tage, und der Rest des Jahres wurde gesondert behandelt. Das war zunächst eine Zeitmessung und keine Deutung.

Die Verbindung zum Tierkreis entstand später, in der Zeit, in der beide Systeme aufeinandertrafen. Aus den zehntägigen Zeitabschnitten wurden zehngradige Raumabschnitte, und aus einer Kalenderhilfe wurde ein Bestandteil der Deutungslehre.

Vom Sternbild zum Abschnitt auf der Ekliptik

Der Übergang ist der interessanteste Punkt dieser Geschichte, weil dabei etwas verloren ging. Die ursprünglichen Sterngruppen liegen am Himmel dort, wo sie liegen; die zehngradigen Abschnitte liegen dort, wo die Rechnung sie hinsetzt.

Damit wurde aus einer Beobachtung eine Einteilung. Die Abschnitte sind gleich groß, die Sterngruppen waren es nie, und die Zuordnung zwischen beiden ist an mehreren Stellen unklar geblieben.

Für die Praxis heißt das: Wer heute mit dieser Dreiteilung arbeitet, arbeitet mit Abschnitten auf der Ekliptik und nicht mit Sternen. Die alten Namen stehen in manchen Büchern noch daneben, aber sie bezeichnen etwas anderes als der Abschnitt, an dem sie stehen.

Das erste System: die durchlaufende Planetenreihe

Das ältere der beiden Zuordnungssysteme verteilt die sieben klassischen Planeten in einer festen Reihenfolge über alle sechsunddreißig Abschnitte, ohne Rücksicht auf Zeichengrenzen.

Die Reihe folgt der überlieferten Ordnung nach Umlaufzeit, von der langsamsten Bewegung zur schnellsten: Saturn, Jupiter, Mars, Sonne, Venus, Merkur, Mond. Sie beginnt beim ersten Abschnitt des Widders mit Mars und läuft dann durch, immer weiter, bis der Kreis geschlossen ist.

Überliefert ist diese Reihe bei hellenistischen Autoren, die im zweiten und im vierten Jahrhundert schrieben, und sie taucht dort bereits als etwas Vorgefundenes auf. Eine Begründung für den Startpunkt beim Widder nennen sie nicht; sie geben die Reihenfolge weiter, wie sie sie erhalten haben.

Weil sieben nicht durch sechsunddreißig teilbar ist, ergibt sich keine Deckung mit den Zeichen. Derselbe Planet steht an ganz verschiedenen Stellen des Kreises, und ein Zeichen bekommt drei Zuständige, die nichts mit seinem Hauptherrscher zu tun haben müssen.

Das zweite System: der Herrscher aus demselben Element

Das zweite System geht anders vor. Es bleibt innerhalb des Elements: Der erste Abschnitt bekommt den Herrscher des Zeichens selbst, der zweite den Herrscher des nächsten Zeichens desselben Elements, der dritte den des übernächsten.

Beim Widder heißt das: Mars für das erste Drittel, dann die Sonne als Herrscherin des Löwen, dann Jupiter als Herrscher des Schützen. Beim Stier folgen Venus, Merkur und Saturn, also die Herrscher der drei Erdzeichen in ihrer Reihenfolge.

Diese Zuordnung ist jünger und in der heutigen Praxis die verbreitetere. Sie hat den Vorteil, dass sie sich in einer Minute herleiten lässt, wenn man die vier Elementgruppen kennt; nachschlagen muss man nichts. Die Gruppen selbst stehen im Text über die vier Elemente in der Astrologie.

Beide Systeme über dieselben Zeichen gelegt

Abschnitt Planetenreihe Element-Zuordnung gleich?
Widder 0 bis 10 Mars Mars ja
Widder 10 bis 20 Sonne Sonne ja
Widder 20 bis 30 Venus Jupiter nein
Stier 0 bis 10 Merkur Venus nein
Stier 10 bis 20 Mond Merkur nein
Stier 20 bis 30 Saturn Saturn ja
Zwillinge 0 bis 10 Jupiter Merkur nein
Zwillinge 10 bis 20 Mars Venus nein
Zwillinge 20 bis 30 Sonne Saturn nein

In drei von neun Fällen stimmen beide überein, in sechs nicht. Über den ganzen Kreis gerechnet bleibt das Verhältnis ähnlich, und es gibt keine Stelle, an der eine Regel die Abweichung auflöst.

Das ist der Punkt, an dem die Sache unbequem wird. Zwei Systeme, die für denselben Grad zwei verschiedene Zuständige nennen, können nicht beide beschreiben, was dort tatsächlich gilt. Sie beschreiben zwei Ordnungsvorschläge, und mehr ist von ihnen nicht zu erwarten.

Was ein Abschnitt in der Würdenlehre zählt

Die klassische Astrologie kennt fünf Stufen, auf denen ein Planet in einem bestimmten Grad zuständig sein kann. Die stärkste ist die Herrschaft über das ganze Zeichen, danach folgen die Erhöhung, die Elementgruppe, eine Gradeinteilung mit ungleichen Abschnitten und zuletzt die Dreiteilung.

Die Dreiteilung steht damit auf der untersten Stufe. In den überlieferten Punktwertungen bekommt ein Planet für sie den kleinsten Betrag, und wo die anderen vier Stufen etwas anderes sagen, geben sie den Ausschlag.

Diese Rangfolge fehlt in fast jeder populären Darstellung. Dort steht der Abschnitt gleichwertig neben dem Zeichen, und aus einer Nebenzuständigkeit wird ein zweites Sternzeichen, das es in dieser Form nie gab.

Wer die Reihenfolge kennt, liest die Einteilung entspannter. Sie ergänzt ein Detail und trägt keine Deutung allein, und genau so wird sie in der älteren Literatur auch verwendet.

Warum ein früher Widder anders gelesen wird als ein später

In beiden Systemen bekommt der erste Abschnitt eines Zeichens den Herrscher des Zeichens selbst zugewiesen. Die Deutungsliteratur liest ihn deshalb als die reinste Form: Was das Zeichen ausmacht, steht hier ohne Zusatz.

Die beiden folgenden Abschnitte mischen etwas dazu. Beim mittleren Drittel des Widders kommt die Sonne hinzu, beim letzten je nach System Venus oder Jupiter, und in beiden Fällen verschiebt das die Beschreibung deutlich.

Das Muster ist über alle Zeichen dasselbe. Der Anfang eines Zeichens gilt als ausgeprägt, das Ende als vermischt, und in der Praxis wird der letzte Abschnitt oft schon mit einem Blick auf das folgende Zeichen gelesen.

Ob das zutrifft, lässt sich nicht entscheiden. Es ist eine Lesart, die aus dem Aufbau der Zuordnung folgt, und sie steht und fällt mit dem System, das man dafür wählt.

Was an der Grenze passiert

Bei neun Grad neunundfünfzig gilt der eine Zuständige, bei zehn Grad null der nächste. Ein Unterschied von einer Bogenminute entspricht bei der Sonne etwa vierundzwanzig Minuten Uhrzeit.

Wer die eigene Position dicht an einer solchen Grenze hat, sollte deshalb zuerst die Geburtszeit prüfen. Ohne belegte Uhrzeit ist die Zuordnung an dieser Stelle offen, und beim Aszendenten reichen dafür schon wenige Minuten Abweichung.

Die übliche Handhabung besteht darin, Grenzfälle als solche zu notieren und beide Zuordnungen daneben zu schreiben. Ein hartes Entweder-oder ist bei einer Einteilung, die es in zwei Fassungen gibt, ohnehin schwer zu begründen.

Warum die Feinteilung in Kurzhoroskopen fehlt

Ein Zeitungshoroskop arbeitet mit zwölf Gruppen, weil es nur das Geburtsdatum kennt. Sechsunddreißig Gruppen wären daraus grundsätzlich ableitbar, denn zehn Tage lassen sich abzählen, und trotzdem taucht die Einteilung dort praktisch nie auf.

Der Grund ist ein praktischer. Dreimal so viele Absätze bedeuten dreimal so viel Text bei gleichbleibendem Platz, und die Ränder verschieben sich von Jahr zu Jahr um einen Tag, was jede feste Datumstabelle ungenau macht.

Dazu kommt ein inhaltlicher Punkt. Die Zuordnung verweist auf einen zweiten Planeten, und dessen Stellung steht nur in einer vollständigen Grafik. Ohne sie bleibt vom Abschnitt nur ein Etikett übrig, das nichts erschließt.

Die Abschnitte in der Bildtradition

Deckenfresko mit allegorischen Figuren und Tierkreisbildern in einem gewölbten Saal
Petar Milošević / BY-SA 4.0

Neben den Planetenzuordnungen gibt es eine zweite Überlieferungslinie, die den sechsunddreißig Abschnitten Bilder zuordnet. Sie ist über arabische und lateinische Handschriften des Mittelalters überliefert und in der Renaissance in Freskenzyklen aufgegriffen worden.

Diese Bilder haben mit den Planetenzuordnungen nichts zu tun. Sie zeigen Figuren, Tiere und Gegenstände, ihre Beschreibungen weichen von Handschrift zu Handschrift ab, und ihre Deutung ist an vielen Stellen unklar geblieben.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Dreiteilung außerdem auf die Zahlenkarten des Tarot übertragen: sechsunddreißig Abschnitte, sechsunddreißig Karten von der Zwei bis zur Zehn. Diese Zuordnung stammt aus einem britischen Orden des späten 19. Jahrhunderts und ist nicht älter als er.

Den eigenen Abschnitt bestimmen

  1. Die Gradzahl der Sonne aus der Grafik ablesen, mit Zeichen und Bogenminute.
  2. Prüfen, in welches Drittel sie fällt: null bis zehn, zehn bis zwanzig, zwanzig bis dreißig.
  3. Denselben Schritt für den Aszendenten und den Mond wiederholen.
  4. Sich für eines der beiden Zuordnungssysteme entscheiden und die Wahl notieren.
  5. Den zugehörigen Planeten heraussuchen und nachsehen, wo er in der eigenen Grafik steht.
  6. Erst dann deuten, und zwar den Planeten in seiner Stellung, nicht ein fertiges Kurzprofil.

Der fünfte Schritt ist der eigentliche Ertrag dieser Technik. Der Nebenherrscher ist kein Etikett, sondern ein Verweis auf eine andere Stelle der Grafik, und diese Verbindung ist das, was die Einteilung überhaupt brauchbar macht.

Wie sich die Grundlage dafür lesen lässt, steht im Text über das Lesenlernen eines Geburtshoroskops. Ohne die Hauptebene bringt die Feinteilung nichts.

Was aus einem Abschnitt nicht folgt

Die Dreiteilung ist eine Unterteilung innerhalb einer symbolischen Ordnung. Sie beschreibt keine Eigenschaft, die sich messen ließe, und sie sagt über eine Person nichts aus, was sich unabhängig prüfen lässt.

Astrologie ist eine Deutungspraxis mit langer Geschichte. Sie ordnet und stellt Bezüge her; sie weist keine Ursachen nach und trifft keine Vorhersage. Wer eine berufliche, gesundheitliche oder rechtliche Entscheidung an einen Zeichenabschnitt hängt, verlangt von einer Einteilung etwas, wofür sie nicht gebaut ist.

Der ehrliche Umgang ist der historische. Zwei Systeme, verschiedene Herkunft, verschiedene Ergebnisse, und eine Überlieferung, die an dieser Stelle nie einheitlich war. Wie die Zeichen insgesamt geordnet sind, zeigt der Überblick über die zwölf Sternzeichen.

Häufige Fragen

Welches der beiden Systeme ist das richtige?

Beide sind überliefert, keines lässt sich belegen. Die Planetenreihe ist die ältere, die Element-Zuordnung die heute verbreitetere. Wer vergleichen möchte, arbeitet ein halbes Jahr mit dem einen und danach mit dem anderen.

Gilt die Einteilung auch für den Aszendenten?

Ja, und dort ist sie am empfindlichsten. Der Aszendent wandert um etwa ein Grad in vier Minuten, sodass schon eine ungenaue Geburtszeit den Abschnitt wechseln lässt.

Ändert sich mein Sternzeichen dadurch?

Nein. Die Einteilung liegt innerhalb des Zeichens und ersetzt es nicht. Ein später Widder bleibt ein Widder, er bekommt in dieser Lesart nur einen zweiten Zuständigen dazu.

Warum steht in meinem Buch eine andere Tabelle?

Wahrscheinlich, weil es dem jeweils anderen System folgt. Ein Blick auf den ersten Abschnitt des Stiers genügt zur Unterscheidung: Steht dort Merkur, ist es die Planetenreihe, steht dort Venus, die Element-Zuordnung.

Haben die Abschnitte auch Namen?

In den älteren Handschriften ja, und die Namen weichen voneinander ab. Sie stammen aus der Bildtradition und nicht aus der Planetenzuordnung, weshalb sie sich mit ihr nicht verrechnen lassen. Wer beim Zeichen einsteigen will, findet die Grundlagen im Einsteigerguide von Widder bis Fische.

Sechsunddreißig Abschnitte, zwei Zuordnungen, ein Ursprung in ägyptischen Sternlisten: Das ist der ganze Bestand. Wer daraus eine feinere Beschreibung machen will, sollte wenigstens dazusagen, welchem der beiden Systeme er dabei folgt.

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