Zwei Geburtsgrafiken liegen nebeneinander auf dem Tisch. Die eine Deutung vergleicht sie Punkt für Punkt, die andere rechnet aus beiden ein drittes Blatt und deutet dieses. Beide Verfahren sind gebräuchlich, und sie kommen regelmäßig zu unterschiedlichen Aussagen.
Das ist kein Widerspruch, sondern eine Folge der Rechnung. Das eine Verfahren beschreibt zwei Personen im Verhältnis zueinander, das andere beschreibt ein drittes, gemitteltes Gebilde, das keinem der beiden gehört.
Dieser Text stellt beide Rechenwege dar, zeigt, welche Aussagen jedes von ihnen zulässt, und benennt die Stellen, an denen die Ergebnisse auseinandergehen.
- Erstes Verfahren: Aspektvergleich zweier Radices
- Zweites Verfahren: ein drittes Blatt aus gemittelten Positionen
- Rechenaufwand: Vergleich manuell möglich, Mittelung besser mit Software
- Empfindlichkeit gegenüber der Geburtszeit: beim zweiten Verfahren höher
- Häuserfrage: beim gemittelten Blatt ungelöst, mehrere Verfahren im Umlauf
- Übliche Orbis: enger als bei einer Radixdeutung
- Was beide nicht leisten: eine Aussage über Bestand oder Verlauf
Zwei Verfahren, dieselbe Frage, zwei Antworten
Beide Techniken beantworten dieselbe Ausgangsfrage: Was zeigt sich, wenn zwei Geburtsgrafiken aufeinander bezogen werden? Sie tun das aber auf zwei grundverschiedenen Wegen.
Der Vergleich lässt beide Grafiken bestehen und misst die Winkel zwischen ihnen. Die Mittelung löst beide auf und erzeugt aus ihnen ein neues Blatt, in dem die Herkunft der einzelnen Werte nicht mehr sichtbar ist.
Aus diesem Unterschied folgt alles Weitere. Wer beide Ergebnisse nebeneinanderlegt und sich wundert, dass sie nicht übereinstimmen, vergleicht die Ausgabe zweier verschiedener Rechnungen.
Historisch sind die beiden auch nicht gleich alt. Der Vergleich zweier Grafiken ist seit der Antike beschrieben und in der arabischen und mittelalterlichen Literatur breit belegt. Das gemittelte Blatt ist eine Technik des zwanzigsten Jahrhunderts und in älteren Quellen nicht zu finden.
Was der Aspektvergleich rechnet
Beim Vergleich werden die Positionen der einen Grafik gegen die der anderen gelegt und die Winkel dazwischen bestimmt. Ein Planet der ersten Person steht dann in einem bestimmten Abstand zu einem Punkt der zweiten.
Technisch ist das dieselbe Rechnung wie bei einem Transit, nur mit zwei feststehenden Grafiken statt einer laufenden und einer festen. Es gibt keine Bewegung, also auch keine Fenster und keine Termine.
Zusätzlich wird meist geprüft, in welches Haus der anderen Grafik ein Planet fällt. Diese Ebene setzt bei beiden Personen eine belegte Geburtszeit voraus. Wie Häuser überhaupt gebildet werden, behandelt die Einführung zu den Häusern im Horoskop.
Was das gemittelte Blatt rechnet
Beim zweiten Verfahren wird für jeden Faktor der Mittelpunkt zwischen den beiden Positionen bestimmt. Aus zwei Sonnenständen wird eine Sonne, aus zwei Monden ein Mond, und so weiter für alle zehn Faktoren.
Das Ergebnis ist ein vollständiges Blatt mit allen üblichen Bestandteilen. Es sieht aus wie eine Geburtsgrafik, gehört aber niemandem: Zu diesem Zeitpunkt stand der Himmel nirgends so.
Genau darin liegt der Reiz und die Schwierigkeit dieses Verfahrens. Es erzeugt ein deutbares Gebilde und verliert dabei die Zuordnung, welcher Anteil von welcher Person stammt.
Ein einfaches Beispiel macht das sichtbar. Steht die Sonne der einen Person bei zehn Grad eines Zeichens und die der anderen bei zwanzig Grad desselben, ergibt die Mittelung fünfzehn Grad. Aus dieser Angabe lässt sich nicht mehr ablesen, dass die beiden Ausgangswerte zehn Grad auseinanderlagen.
Der Mittelpunkt auf dem Kreis ist nicht der Durchschnitt der Zahlen

Die Mittelung sieht nach einer einfachen Division aus und ist es nicht. Auf einem Kreis gibt es zwischen zwei Punkten immer zwei Mittelpunkte, die einander gegenüberliegen, und die Rechnung muss sich für einen entscheiden.
Die übliche Konvention wählt den Mittelpunkt auf dem kürzeren Bogen. Stehen zwei Faktoren bei zehn und bei siebzig Grad, liegt der Mittelpunkt bei vierzig; stehen sie bei zehn und bei dreihundertfünfzig Grad, liegt er bei null und nicht bei einhundertachtzig.
Wer von Hand rechnet, macht an dieser Stelle die meisten Fehler. Der Handgriff besteht darin, zuerst den Abstand zu bestimmen, zu prüfen, ob er über einhundertachtzig Grad liegt, und erst dann zu teilen.
Ein Teil der Praxis arbeitet bewusst mit beiden Mittelpunkten und behandelt sie als eine Achse statt als einen Punkt. Das ist konsequent, weil die Geometrie beide gleichberechtigt hergibt, und es verdoppelt die Zahl der Berührungen, die in einer Deutung auftauchen.
Zwei Rechenarten für das dritte Blatt
Neben der Mittelung der einzelnen Positionen gibt es ein zweites Verfahren, das anders vorgeht. Es mittelt nicht die Planetenstände, sondern Zeit und Ort der beiden Geburten und berechnet für diesen gemittelten Zeitpunkt eine echte Grafik.
Der Unterschied ist grundsätzlich. Das erste Verfahren liefert ein Blatt, das es am Himmel nie gab; das zweite liefert eines, das einem tatsächlichen Augenblick an einem tatsächlichen Ort entspricht.
Die Ergebnisse weichen deutlich voneinander ab, vor allem bei den schnellen Faktoren. Wer beide Verfahren nebeneinanderlegt, sollte deshalb angeben, welches gemeint ist, weil der gebräuchliche Sammelbegriff beide umfasst.
Die Häuserfrage im gemittelten Blatt
Bei der Mittelung der Positionen bleibt eine Frage offen, für die es keine einheitliche Lösung gibt: Woher kommen die Häuserspitzen? Ein Haus braucht Ort und Uhrzeit, und ein gemitteltes Blatt hat weder das eine noch das andere.
In der Praxis kursieren mehrere Antworten. Manche mitteln auch die Achsen der beiden Grafiken, manche rechnen die Häuser für den gemeinsamen Wohnort, manche verzichten ganz auf Häuser und deuten nur Zeichen und Winkel.
Die drei Wege führen zu drei verschiedenen Blättern. Wer eine Deutung liest, sollte deshalb wissen, welcher Weg gewählt wurde, denn die Häuserbelegung ist der Teil, der sich am stärksten unterscheidet.
Am weitesten verbreitet ist der Weg über den gemittelten Meridian, aus dem die übrigen Spitzen abgeleitet werden. Er hat den Vorteil, ohne einen zusätzlichen Ort auszukommen, und den Nachteil, dass die Häusergrößen von der geografischen Breite abhängen, die dabei stillschweigend gewählt wird.
Wer die Häuser für einen gemeinsamen Wohnort rechnet, bekommt ein Blatt, das sich mit einem Umzug ändert. Auch das ist vertretbar, sollte aber notiert werden, weil sonst zwei Ausdrucke desselben Paares aus verschiedenen Jahren nicht mehr zusammenpassen.
Synastrie und Composite nebeneinander
| Merkmal | Aspektvergleich | gemitteltes Blatt |
|---|---|---|
| Grundlage | zwei bestehende Grafiken | ein errechnetes drittes Blatt |
| Zuordnung sichtbar | ja, jeder Punkt hat einen Besitzer | nein, Herkunft geht verloren |
| Häuser | aus beiden Radices vorhanden | uneinheitlich geregelt |
| Empfindlich gegenüber Geburtszeit | bei den Achsen | bei Achsen und Mond |
| Rechnung von Hand | gut möglich | fehleranfällig |
| Aussagerichtung | Verhältnis zweier Personen | Beschreibung eines Ganzen |
| Übliche Orbis | drei bis fünf Grad | eher enger |
Die zweite Zeile ist die wichtigste. Sie erklärt, warum aus dem Vergleich Sätze über zwei Personen folgen und aus dem gemittelten Blatt Sätze über eine Sache, an der beide beteiligt sind.
Die vorletzte Zeile ist der praktische Grund, warum Anfängerinnen und Anfänger meist mit dem Vergleich beginnen. Er lässt sich mit zwei Ausdrucken und einem Lineal durchführen, das gemittelte Blatt nicht.
Welche Aussagen der Vergleich zulässt
Der Vergleich sagt etwas über Berührungspunkte. Wo ein Faktor der einen Grafik auf einen Faktor der anderen trifft, entsteht in der überlieferten Sprache eine Verbindung, die sich benennen lässt.
Er sagt außerdem, in welchem Lebensbereich der anderen Person ein Faktor zu liegen kommt, sofern beide Geburtszeiten bekannt sind. Diese Häuserebene ist der konkreteste Teil des Verfahrens.
Was er nicht sagt, ist etwas über den Verlauf. Ein Vergleich ist ein stehendes Bild ohne Zeitachse, und alle Aussagen über Entwicklung stammen aus einer anderen Rechnung, meist aus laufenden Bewegungen.
In der Praxis wird der Vergleich deshalb häufig in zwei Durchgängen gelesen. Im ersten steht die Frage, welche Punkte überhaupt berührt werden; im zweiten, in welche Richtung die Berührung zeigt, also welcher Faktor bei wem angesprochen wird. Der zweite Durchgang ist der, der die Zuordnung sichtbar hält.
Welche Aussagen das gemittelte Blatt zulässt
Das dritte Blatt beschreibt in der üblichen Lesart die gemeinsame Sache als solche, unabhängig davon, wer welchen Anteil einbringt. Es wird gedeutet wie eine Geburtsgrafik, mit Zeichen, Häusern und Winkeln.
Dieser Zugang hat einen Vorteil: Er zwingt dazu, von der Verteilung von Anteilen abzusehen. Und er hat einen Preis: Aussagen aus diesem Blatt lassen sich keiner der beiden Personen zuordnen und damit auch schlecht überprüfen.
Deshalb gilt in der Praxisliteratur die Empfehlung, dieses Blatt nicht allein zu verwenden. Es steht neben dem Vergleich und nicht an dessen Stelle.
Warum beide oft auseinandergehen
Der häufigste Fall ist ein Winkel, der im Vergleich deutlich sichtbar ist und im gemittelten Blatt verschwindet. Das liegt an der Rechnung: Der Mittelpunkt zweier Punkte, die einander gegenüberstehen, liegt genau dazwischen, und die Spannung zwischen ihnen taucht dort nicht mehr auf.
Umgekehrt entstehen im gemittelten Blatt Winkel, die es zwischen den ursprünglichen Grafiken nicht gab. Zwei Mittelpunkte können in einem Abstand zueinander stehen, den keine der beiden Ausgangspositionen aufweist.
Beides ist kein Fehler, sondern eine Eigenschaft der Mittelung. Wer sie kennt, liest die Abweichung als das, was sie ist: das Ergebnis zweier Rechnungen mit verschiedenen Voraussetzungen.
Ein dritter Fall betrifft die Zeichen. Zwei Faktoren aus benachbarten Zeichen ergeben einen Mittelpunkt, der in einem von beiden liegt oder genau auf der Grenze. Damit bekommt das gemittelte Blatt eine Zeichenbelegung, die in keiner der beiden Ausgangsgrafiken vorkommt.
Die Rolle der Geburtszeit in beiden Verfahren
Ohne belegte Uhrzeit wackeln in beiden Verfahren dieselben Größen: die Achsen und, bei größerer Unsicherheit, der Mond. Alles andere bleibt über einen ganzen Tag hinweg innerhalb weniger Grad.
Beim Vergleich lässt sich damit trotzdem arbeiten. Man deutet die Winkel zwischen den langsamen Faktoren und lässt die Häuserebene und die Achsen weg, mit einem entsprechenden Vermerk.
Beim gemittelten Blatt ist das schwieriger, weil sich die Unsicherheiten beider Grafiken addieren. Zwei ungefähre Zeiten ergeben ein Blatt, dessen Achsen keinen belastbaren Wert mehr haben. Wo die Uhrzeit herkommt, behandelt der Text über das Lesen eines Geburtshoroskops.
Der Orbis im Vergleich zweier Grafiken
Übliche Werte liegen bei drei bis fünf Grad für die Hauptwinkel, deutlich enger als in einer Radixdeutung. Der Grund ist die Zahl der möglichen Kombinationen.
Zehn Faktoren gegen zehn Faktoren ergeben hundert Paare, und bei fünf Hauptwinkeln und großzügigem Orbis findet sich zwischen zwei beliebigen Grafiken immer eine ansehnliche Zahl von Berührungen. Ein enger Orbis begrenzt diesen Effekt.
Als Arbeitsregel hat sich bewährt, zunächst nur die Verbindungen zwischen den beiden Lichtern, den Achsen und den persönlichen Planeten anzusehen. Das reduziert hundert Paare auf ein knappes Dutzend.
Bei zwei Personen mit geringem Altersunterschied kommt eine weitere Einschränkung dazu. Die langsamen Planeten stehen dann in beiden Grafiken fast an derselben Stelle, und die Berührungen zwischen ihnen sagen etwas über einen Jahrgang aus, nicht über zwei Personen.
Ein Ablauf für einen Vergleich

- Beide Grafiken vollständig aufstellen, mit Uhrzeit und Ort, und die Quelle der Zeiten notieren.
- Entscheiden, welches Verfahren geprüft wird, und diese Entscheidung auf das Blatt schreiben.
- Beim Vergleich zuerst die Verbindungen zwischen Sonne, Mond und den Achsen bestimmen.
- Danach die persönlichen Planeten ergänzen und alles Weitere zunächst weglassen.
- Zu jedem gefundenen Paar den Winkel und die Abweichung in Grad notieren.
- Prüfen, in welches Haus der jeweils anderen Grafik der beteiligte Punkt fällt.
- Erst danach das gemittelte Blatt rechnen lassen und getrennt davon notieren.
- Die beiden Ergebnisse nebeneinanderlegen und die Abweichungen ausdrücklich vermerken.
Der achte Schritt ist der ertragreichste und wird fast immer ausgelassen. Die Stellen, an denen zwei Verfahren auseinandergehen, sagen mehr über die Verfahren aus als jede einzelne Deutung.
Der zweite Schritt verhindert eine verbreitete Vermischung. Wer während der Arbeit zwischen den Verfahren wechselt, hat am Ende eine Deutung, die sich keinem der beiden zuordnen lässt.
Was regelmäßig überzogen wird
Der erste Punkt betrifft die Bewertung einzelner Winkel. In der älteren Literatur stehen dazu Urteile, die heute in dieser Form kaum noch vertreten werden, und ein Winkel allein trägt keine Aussage über ein Verhältnis.
Der zweite betrifft die Zahl der Berührungen. Eine hohe Zahl ist ein Ergebnis des gewählten Orbis und keine Auskunft. Wer zwei beliebige Grafiken mit weitem Orbis vergleicht, findet stets reichlich Material.
Der dritte betrifft die Sprache. Aus einem Winkel folgt keine Empfehlung, kein Urteil über Personen und keine Aussage darüber, wie lange etwas bestehen wird. Wie weit solche Zuschreibungen tragen, behandelt der Text über die Deutung von Zeichenkombinationen.
Was ein Horoskopvergleich nicht entscheidet
Beide Verfahren sind Rechnungen mit symbolischer Deutung. Sie stellen nichts fest, sagen nichts voraus und treffen keine Entscheidung über eine Beziehung zwischen Menschen.
Bei Fragen, die eine Belastung betreffen, sind Beratungsstellen und therapeutische Fachleute die zuständige Adresse. Eine Deutung ersetzt kein Gespräch und keine Beratung, und sie sollte auch nicht als Begründung für eine Entscheidung herhalten.
Was bleibt, ist eine geordnete Beschreibung zweier Grafiken und die Möglichkeit, sie nebeneinanderzulegen. Grundlagen zur Deutung einer einzelnen Grafik stehen im Text über die Deutung von Geburtshoroskopen und im Überblick zum Horoskop.
Häufige Fragen
Welches Verfahren soll ich zuerst lernen?
Den Vergleich. Er lässt sich von Hand durchführen, die Zuordnung bleibt sichtbar, und die Rechnung ist dieselbe wie bei Aspekten innerhalb einer Grafik.
Braucht das gemittelte Blatt beide Geburtszeiten?
Für die Achsen und für den Mond ja. Ohne belegte Zeiten lassen sich allenfalls die langsamen Faktoren mitteln, und die Häuserebene entfällt vollständig.
Warum stimmen die Ergebnisse zweier Programme nicht überein?
Weil sie unterschiedliche Verfahren für die Häuser des gemittelten Blattes verwenden und weil manche das zeitlich-räumliche Mittel unter demselben Namen führen. Ein Blick in die Einstellungen klärt das.
Gilt Synastrie und Composite nur für Paare?
Nein. Beide Verfahren werden auf jede Art von Verhältnis zwischen zwei Personen angewandt, auch auf berufliche. Die Rechnung ist in allen Fällen dieselbe.
Wie viele Berührungen sind normal?
Mit engem Orbis und Beschränkung auf Lichter, Achsen und persönliche Planeten meist zwischen fünf und zwölf. Deutlich höhere Zahlen entstehen durch einen weiten Orbis und nicht durch eine besondere Verbindung.
Zwei Grafiken vergleichen und ein drittes Blatt mitteln sind zwei Rechnungen mit verschiedenen Voraussetzungen. Wer sie getrennt führt und die Abweichungen notiert, hat am Ende zwei Beschreibungen und weiß, woher jede von ihnen stammt.




